Impuls zur Sonntagslesung am 25. Januar

Spaltungen im Christentum: Erst Riss, dann Graben

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Keil im Holz
Nachweis

Foto: imago/Panthermedia
 

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Wenn Holz einmal gespalten ist, wird der Riss meist eher größer als kleiner.

Im Brief an die Gemeinde in Korinth mahnt Paulus: „Duldet keine Spaltungen unter euch!“ Wahrscheinlich war ihm schon damals klar: Durch einen kleinen Keil kann eine Trennung entstehen – und zwar für immer. Auch zwischen Christen und Christen.

Vielleicht haben Sie das ja auch schon mal erlebt, in der Familie, in der Clique, im Verein: Da gibt es diesen Punkt, über den man sich nicht einigen kann – die einen meinen so, die anderen anders. Und dann gewinnt dieser eine Punkt so sehr an Bedeutung, dass das Gemeinsame nichts mehr zählt. Man geht auseinander, löst den Verein auf, geht seinen eigenen Weg. Und nach ein paar Jahren hat man sich in völlig andere Richtungen weiterentwickelt.

Genauso ist es den christlichen Kirchen in der Geschichte immer wieder ergangen: Man konnte sich über irgendeinen Punkt nicht einigen, vergaß das Gemeinsame, lief schimpfend auseinander und die Unterschiede wurden immer größer. Unüberbrückbar größer. Aber im Rückblick fragt man sich: War das Problem wirklich so wichtig?

1. Die Altorientalen

Im Jahr 325, beim Konzil von Nizäa, hatte es noch funktioniert: Die verschiedenen christlichen Richtungen einigten sich auf ein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Einfach war es nicht, und sicher hatte geholfen, dass die abgesandten Bischöfe und Theologen von Kaiser Konstantin gehörig unter Druck gesetzt wurden. Der wollte Einheit im Reich. Christologische Spitzfindigkeiten hatten dahinter zurückzustehen.

126 Jahre später sah die Sache anders aus. Im Jahr 451, beim Konzil von Chalcedon, prallten zwei theologische Meinungen aufeinander: Die Westkirche Roms im Verbund mit ostkirchlichen Bischöfen aus Antiochia und Konstantinopel vertraten die Zwei-Naturen-Lehre: Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Deshalb hat er zum Beispiel wirklich und wahrhaftig als Mensch am Kreuz gelitten. Die Kirchen in Ägypten, Ostsyrien und Armenien waren anderer Meinung: Christus hatte nur eine Natur – alles Menschliche ist immer schon aufgehoben im Göttlichen.

Als sie unterlagen, machten sie sich selbstständig. Aus theologischen, aber auch aus kirchenpolitischen Gründen: Sie fühlten sich vom Patriarchat in Antiochia bevormundet, unterdrückt und schlecht behandelt. Auch wenn die christologische Frage heute weitgehend ausgeräumt ist: Die Kirchen- und Sakramentsgemeinschaft wurde nie wiederhergestellt.

2. Die Orthodoxie

600 Jahre später, noch waren die großen Kirchen des Westens und Ostens einig, stritt man über den Heiligen Geist. Die Kirche Roms hatte eigenmächtig das Große Glaubensbekenntnis aus dem Jahr 451 ergänzt. Über den Heiligen Geist hieß es nun, dass er „aus dem Vater und dem Sohn hervorging“. 

„Und dem Sohn“, das auf Latein sogenannte „filioque“, das war der Knackpunkt. Denn die Ostkirchen und ihre Patriarchen bestanden darauf, dass der Heilige Geist nur aus dem Vater hervorgeht. Und überhaupt dürfe Rom, das auch politisch um die Vorherrschaft mit Konstantinopel stritt, so etwas nicht im Alleingang entscheiden.

1054 spalteten sich die Ostkirchen, die sich nun orthodox, also rechtgläubig, nannten, ab. Beide Kirchen entfernten sich immer weiter voneinander: in Leben und Lehre, in Liturgie und Frömmigkeit. Selbst wenn man sich – wie Papst Leo und Patriarch Bartholomaios kürzlich sagten – nach 1000 Jahren in der filioque-Frage einigen könnte: Wer jemals in einem orthodoxen Gottesdienst war, weiß: Inzwischen sind das ziemlich entfernte Verwandte.

3. Die Reformation

Rund 450 Jahre dauerte es bis zur nächsten großen Spaltung. Ein deutscher Mönch zettelte sie an, der eigentlich nur seine, die katholische Kirche reformieren und Missstände beim Namen nennen und beenden wollte: weniger Macht und Reichtum, mehr Liebe und Erbarmen; weniger Papst, mehr Jesus; weniger Recht, mehr Gnade.

Doch Rom verweigerte sich. Woraufhin Martin Luther und seine Anhänger ihre eigene Kirche gründeten, die evangelische, weil sie sich am Evangelium ausrichten sollte. Um sich besser abzugrenzen, änderten sie in relativ kurzer Zeit vieles, was sie früher kannten und liebten: die Orden, die Heiligen- und Marienverehrung, die sieben Sakramente. Von beiden Seiten machte sich Gewalt breit: Bildersturm, der 30-jährige Krieg. Und das alles, weil sich Luther und Papst nicht einigen konnten.

4. Die Altkatholiken

Nach der Reformation spalteten sich immer wieder weitere Gruppen ab: Anglikaner und Calvinisten, Baptisten, Methodisten, Puritaner. Die katholische Kirche versuchte dagegen- und zusammenzuhalten. Auch, indem sie sich enger um den Papst scharte und sich auf ihn hin organisierte. Wer es wagte, ihm zu widersprechen, setzte sich dem Vorwurf aus, das nächste Schisma zu provozieren.

Höhepunkt dieser theologischen Schule war das Erste Vatikanische Konzil. Dem Papst wurde dort eine unbeschreibliche Machtfülle zugesprochen: der Primat in Rechtsprechung und Lehre – bis hin zum Dogma von der Unfehlbarkeit in ebendiesen Fragen. 

Einigen Bischöfen, besonders aus dem deutschsprachigen Raum, war das zu viel. Sie stimmten gegen die entsprechenden Beschlüsse. Nach einiger Zeit des Gebets und des Nachdenkens kamen sie zu dem Schluss, dass sie dieser neu strukturierten katholischen Kirche nicht mehr angehören können. Sie gründeten eine Kirche, die sie altkatholisch nannten, weil sie sich am Althergebrachten orientieren sollte. Glaube, Sakramente, Liturgie – alles sollte bleiben, wie es war. Nur ohne einen Papst.

Natürlich blieb über die nächsten 150 Jahre nicht alles, wie es war. Bald wurde der Zölibat abgeschafft, und 1996 weihte man die ersten Frauen zu Priesterinnen. Jedenfalls in einigen Teilkirchen, andere machen das bis heute nicht. Was aber für niemanden ein Grund zur Spaltung ist.

Waren die Spaltungen nötig? Hätte es keine Wege gegeben zusammenzubleiben? War das Gemeinsame nicht viel größer als die Unterschiede? Wer kann schon sicher wissen, wie Gottvater, Sohn und Heiliger Geist im Detail zu definieren sind? Und kann man Unterschiede nicht einfach mal akzeptieren? In der Kirche, aber auch in Familie, Clique oder Verein?  Diese Fragen haben nichts an Aktualität verloren.   

Susanne Haverkamp