Jugend und Rechtsextremismus in den sozialen Medien
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Foto: imago/Eventpress
Jugendliche bei einer Demonstration der rechtsextremen Gruppe „Deutsche Jugend voran“ Anfang Juni in Berlin
Wenn junge Menschen in sozialen Medien wie Tiktok unterwegs sind, erscheinen schnell rechtsextreme Botschaften auf ihrem Smartphone. Da werden Geflüchtete verächtlich gemacht. Juden wird die Schuld an Dingen gegeben, für die sie nicht verantwortlich sind. Eine Studie der Universität Potsdam hat herausgefunden, dass rechte Parteien bei Tiktok mehr als doppelt so viele Bilder und Videos verbreiten als alle demokratischen Parteien zusammen.
Welchen Einfluss rechtsextreme Ideologien haben, zeigt sich auch in Wahlergebnissen. Bei der Jugendwahl U18 zur Bundestagswahl 2025 wurde die AfD in allen ostdeutschen Bundesländern außer Berlin die stärkste Kraft. Bei der Wahl zum Bundestag selbst wählten unter den 18- bis 24-Jährigen 21 Prozent die AfD; mehr bekamen nur die Linken (25 Prozent).
Was können Erwachsene tun, wenn sich Kinder oder Enkelkinder zu rechtsextremen Positionen hingezogen fühlen? Zunächst sollten sie sich ihren eigenen Standpunkt bewusstmachen, zum Beispiel, dass aus christlicher Sicht alle Menschen die gleiche Würde haben. „Es kommt darauf an, dass ich weiß, was meine Haltung ist“, sagt Rebekka.
Die Pädagogin vom Verein Distanz e. V. in Weimar will aus Sicherheitsgründen nur mit Vornamen genannt werden. Sie arbeitet als Distanzierungstrainerin mit jungen Menschen, die sich extrem rechten Gruppen und Ideologien annähern. Sie fragt die jungen Männer und Frauen: „Warum spricht dich das an?“ Dann sucht sie mit ihnen Strategien, wie sie sich von den rechten Gruppen distanzieren können.
Eltern, Großeltern, aber auch Verantwortliche in christlichen Jugendgruppen sollten Grenzen setzen, wenn sie rassistische, antisemitische oder menschenfeindliche Verhaltensweisen bemerken, sagt Rebekka. „Auf keinen Fall darf man extrem rechte Zeichen ignorieren.“ Denn das würde bedeuten, dass sie erlaubt sind.
Wichtig ist, mit den Kindern und Jugendlichen auf einer persönlichen Ebene zusprechen. Man sollte sich „nicht zu einer Diskussion auf Sachebene verleiten lassen. Also zum Beispiel darüber, warum es keine Menschenrassen gibt“, sagt Rebekka. Stattdessen müsse man fragen: Was hat das, was du sagst und tust, eigentlich mit dir zu tun? „Durch interessiertes Nachfragen bekommt man heraus, warum sich jemand zu extrem rechten Ideologien hinwendet.“ Rebekka erzählt von Jugendlichen, die sich einer Nazigruppe anschlossen, weil sie früher an der Schule gemobbt wurden. In der Nazigruppe hatten sie das Gefühl, endlich zu den Starken zu gehören – und ab und zu den Hitlergruß zu zeigen, gehörte dort dazu.
Sätze und Symbole als Warnzeichen
Weitere Warnzeichen sind häufiger werdende diskriminierende Aussagen. „Wenn mein Enkel sagt, alle Ausländer seien kriminell, dann kann ich auf der persönlichen Ebene antworten: ‚Das überrascht mich, dass du so etwas sagst, so kenne ich dich gar nicht‘“, sagt Rebekka. Dann geht es in dem Gespräch nicht mehr um vermeintlich kriminelle Ausländer, sondern um den Enkel und seine Angst oder Unzufriedenheit. Statt zu belehren, dass man andere nicht diskriminieren darf, sollte man seine eigene Haltung erklären: Ich finde es ungerecht, alle Menschen in einen Topf zu werfen. Mir ist es wichtig, dass ich als Einzelperson gesehen werde, und deshalb sehe ich auch andere als Einzelpersonen.
Sätze, die wie Verschwörungstheorien klingen („Wir wissen ja, wer das alles steuert“) sollte man hinterfragen: „Was genau meinst du damit?“ Auf diese Weise hält man nicht nur den Kontakt zu dem jungen Menschen, man kommt auch an Informationen, welchen Ideologien er sich zuwendet.
Häufiges Signal für Nähe zur extremen Rechten sind Symbole. Junge Menschen testen rechte Codes, indem sie Zeichen malen, strenge Scheitelfrisuren tragen oder Kleidung rechter Marken mit nicht verbotenen Aufdrucken. Es gibt Zahlenkombinationen, zum Beispiel 18 für Adolf Hitler oder 88 für „Heil Hitler“. Eindeutig rechtsextrem sind das Symbol der schwarzen Sonne oder die weiße Faust, die von Rechtsextremen rassistisch benutzt werden. Auch hier, sagt Rebekka, sollte man mit dem jungen Menschen ins Gespräch gehen: Was bedeuten die Zeichen? Warum gefällt dir das?
Jugendliche sind anfällig für Radikalisierung
Schämen brauche man sich nicht dafür, wenn das eigene Kind sich in so eine Richtung entwickelt, sagt die Trainerin: „Es gibt einfach zu viele Einflüsse, denen die jungen Menschen ausgesetzt sind.“ Es sei nur wichtig, sich Unterstützung zu holen: „In fast jedem Bundesland gibt es eine Elternberatung zum Thema Rechtsextremismus, bei der man anrufen kann.“
Gerade Heranwachsende seien anfällig für Radikalisierung, sagt sie. „In Zeiten von Krisen, wo ja bei allen Menschen das Sicherheitsbedürfnis steigt, bieten extrem rechte Ideologien auch jungen Menschen eine vermeintliche Sicherheit und Klarheit.“ Das bedeutet aber noch nicht, dass sie auch davon überzeugt sind. Aus Rebekkas Sicht haben Eltern und Großeltern einen Vorteil: Ihre Beziehung zu den Kindern oder Enkelkindern „kann eine große Hilfe sein“.
Zur Sache:
Der Verein Distanz e.V. wurde 2019 in Weimar gegründet. Das Team arbeitet bundesweit mit jungen Menschen und hilft ihnen, sich von rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen zu distanzieren. Hinzu kommen Präventionsarbeit und Hilfe beim Ausstieg aus dem rechts-extremen Milieu.