Zu Fuß auf dem "Weg der Tugenden" in Lingen
Was uns im Leben trägt
Foto: Petra Diek-Münchow
Wie ein Paar am Ufer: Margriet Krijtenburg thematisiert in ihrem Werk die Tugend der "Liebe".
Wo man zu Fuß zu dem gut zwei Kilometer langen Tugendweg startet, kann jede und jeder selbst entscheiden. Zum Beispiel am Dortmund-Ems-Kanal. Ein Pfad führt entlang der Wasserstraße – mit Bänken, auf denen man Platz nehmen kann für eine kurze Pause. Und von dort auf ein Kunstwerk schaut. Nur ein paar Schritte entfernt vom Bootshaus der Lingener Rudergesellschaft stehen am Ufer zwei Metallpfeiler von Margriet Krijtenburg aus Handrup. Die gebürtige Niederländerin thematisiert darin ebenso anschaulich wie eindringlich die Tugend der „Liebe“. Wie ein Paar stehen die Säulen nebeneinander, umarmen und beschützen sich, geben einander Halt. Ein schönes Bild der Fürsorge und Zuneigung.
Dieses Werk ist eines von sieben auf dem „Weg der Tugenden“, der vorbei an Kirchen, Krankenhaus und Kanal mitten durch Lingen führt. Sieben Künstlerinnen und Künstler aus der Region haben auf Initiative der Stadtpastoral, der Kunsthalle und mit Unterstützung der Stadt verschiedene Skulpturen, Installationen und Plätze geschaffen. Haben dabei ihre Gedanken zu Glaube, Liebe, Hoffnung, Klugheit, Mäßigung, Gerechtigkeit, Klugheit und Tapferkeit in Stahl, Stein, Beton und Holz umgesetzt. Manches braucht vielleicht eine Erklärung durch die Infotafeln mit eingebettetem QR-Code, manches erschließt sich von selbst.
Wie die Betonskulptur von Ulrich Schürhaus aus Thuine. Neun Stelen, jede über zwei Meter hoch, stehen im kleinen Stadtpark beieinander. Eine davon stemmt sich „tapfer“ den anderen acht entgegen – bleibt aufrecht und standhaft, will sich im Sturm der Meinungen nicht verbiegen lassen. Da ist der Gedanke an den viel zu oft von populistischen Strömungen gefütterten „Shitstorm“ in sozialen Medien nicht weit. Halten wir immer dagegen, wenn da andere Menschen beleidigt, diffamiert und ausgegrenzt werden?
Genau solche Impulse möchte der „Tugendweg“ den Passanten mit auf den Weg geben. Denn die hier dargestellten Eigenschaften waren, sind und bleiben wichtig. Als Wegweiser und Wegmarker: für das, was uns im Leben trägt und für das, was einen guten Umgang miteinander ausmacht. Aber sie fallen eben nicht einfach vom Himmel und sind selbstverständlich, sondern müssen jeden Tag aufs Neue eingeübt werden. Das geschieht zu Hause in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Schule, an der Supermarkt-Kasse, in der Arztpraxis.
Das wird wahrscheinlich nicht immer klappen, das Leben ist schließlich ein ständiges Auf und Ab. Das fasst die geometrische Metallskulptur der Nordhornerin Julia Siegmund vor dem Krankenhaus passend zusammen. Eine frei schwebende Treppe schwingt sich dort nach oben, mit mal steilen, dann wieder flacheren Anstiegen. Aber die Richtung ist klar, es geht aufwärts – es gibt „Hoffnung“. Wer mag, kann sich im letzten Knick hinsetzen und mit Zuversicht in den Himmel schauen.
Auf der Internetseite des Dekanats Emsland-Süd (www.dekanat-el-sued.de) gibt es über den „Tugendweg“ unter anderem eine Begleitbroschüre mit einer Karte, Texten und Abbildungen. Wer den ganzen Weg gehen möchte, sollte eineinhalb bis zwei Stunden einplanen. An jeder Station gibt es eine Info-Tafel. Führungen werden angeboten für Gruppen, Schulen, Firmen und Touristen. Am 22. August stellt der emeritierte Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode während einer um 17 Uhr beginnenden Führung seine Gedanken zu den sieben Tugenden vor. Infos per E-Mail bei Holger Berentzen: h.berentzen@bistum-os.de