Weihnachtsserie Teil 5: Wie Musik zum Fest die Herzen berührt

Chorgesang: Warum sie vor Freude explodieren könnten

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Pure Freude: Anna Reinhardt und Laurens Patermann.
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Foto: Johanna Marin

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Pure Freude: Anna Reinhardt und Laurens Patermann. 

Weihnachtslieder machen glücklich. Singen, spielen, hören – das berührt uns. Weil wir es seit unserer Kindheit mit schönen Gefühlen verbinden. Hier lesen Sie Geschichten von Menschen, für die Musik an Weihnachten besonders wichtig ist: im Pflegeheim oder in der Kirche, im Gefängnis, zu Hause oder auf See.

„Wenn alle raushauen, was geht, dann entsteht so ein großer Klang, dass man sich selbst gar nicht mehr hört“, sagt Anna Reinhardt und lacht. Die Seelsorgerin singt seit neun Jahren beim Weihnachtsoratorium in der Augustinerkantorei in Erfurt mit – ein Chor mit über hundert Sängern, der seit Jahrzehnten jedes Jahr Bachs imposantes Werk aufführt.

Die beiden Sänger lachen zusammen.
Nicht nur um das Singen geht es, vor allem auch um den Spaß. (Foto: Johanna Marin)

Bei ihrem ersten Konzert, 2016, studierte Reinhardt noch. Auch ihr Kommilitone Laurens Patermann, inzwischen Küster am Erfurter Dom, sang damals zum ersten Mal mit. Seitdem kann er sich das Oratorium aus der Weihnachtszeit nicht mehr wegdenken. „Das ist für mich die pure Freude“, sagt er, strahlt und beginnt zu singen. „Wir singen dir in deinem Heer“, er unterbricht sich – „Unser Chor ist ja wirklich ein ganzes Heer!“ – und singt weiter: „Aus aller Kraft Lob, Preis und Ehr!“

„Aber am liebsten würde ich da immer vor Freude explodieren, weil das ganze Oratorium auf diese Weihnachtsfreude vorbereitet.“

Ihn berühren vor allem die kontemplativen Arien, die das Weihnachtsgeschehen kommentieren. Im Barock sei das auch so gedacht gewesen. „Kurz darauf war es den Leuten peinlich, dass das Oratorium so gefühlsduselig ist“, sagt er, „und wenn man nur den Text betrachtet, ist das auch so. Aber zusammen mit der Musik – da kriege ich eine richtige Gänsehaut.“ Bach hat die Weihnachtsgeschichte nach Lukas und Matthäus vertont. „Einige der Texte tauchen übers Jahr auch in der heiligen Messe auf“, sagt Reinhardt, „dann fang ich in meinem Kopf direkt an zu singen.“

Und wenn es mal nicht im großen Stil aufgeführt werden kann, wie etwa 2020? „Da haben wir uns bei Laurens zu Hause hingesetzt, das Weihnachtsoratorium angemacht und von vorn bis hinten mitgesungen“, sagt Reinhardt. Es im Chor und für viele Menschen zu singen, finden die beiden trotzdem wichtig: Das steigere die Freude aufs Fest – für einen selbst und für andere.

„Ich mag dieses Abwartende, Fragende.“

„Bei der Eröffnung des letzten Teils muss ich mich immer richtig kontrollieren“, sagt Patermann, „gebrüllt klingt es nicht schön. Aber am liebsten würde ich da immer vor Freude explodieren, weil das ganze Oratorium auf diese Weihnachtsfreude vorbereitet.“ Und während ihn die lauten Töne mitreißen, bleibt Reinhardt an dem leise wiederholten Chor „Wo? Wo? Wo ist der neugeborne König?“ hängen. „Ich mag dieses Abwartende, Fragende“, sagt sie, „das ist ganz vorsichtig – und gleichzeitig wissend, dass da eine Antwort kommt.“

Johanna Marin