Literatur

Comeback einer katholischen Schriftstellerin

Image
ä Philippine Victorine Anna Endler wurde als Schriftstellerin bekannt unter ihrem Pseudonym Antonie Haupt.
Nachweis

Foto: Wikipedia/Tripota

Caption

Philippine Victorine Anna Endler wurde als Schriftstellerin bekannt unter ihrem Pseudonym Antonie Haupt.

Vor 170 Jahren wurde Antonie Haupt geboren. Sie war eine erfolgreiche katholische Ausnahme-Autorin. Werke von ihr werden nun wieder aufgelegt.

Von Elmar Lübbers-Paal
„Hexe und Jesuit“ heißt ihr Friedrich-
Spee-Roman über den Hexenanwalt, „Maria, die Katholische“ beschreibt die englische Königin Maria Tudor, die zumeist als „Bloody Mary“ verschrieen ist. Die Erzählung „Der heilige Rock“ nimmt die Überführung der Trierer Herrenreliquie in den Blickpunkt. In „Bernward von Hildesheim“ und „Das goldene Dach von Hildesheim“ entführt uns die Autorin in die grundlegendsten Zeiten des Bistums Hildesheim.
Kardinal Bertram ließ sich gern aus diesen Werken vorlesen und teilte seine Anregungen der Autorin unmittelbar mit. Diese und weitere Veröffentlichungen brachte vor etwa 130 Jahren die 1853 in Trier geborene und in Hannover 1932 verstorbene Antonie Haupt heraus.
Inzwischen sind mehrere ihrer Werke wieder neu aufgelegt worden. Warum man sich auch heute wieder mit diesen historischen Schriften beschäftigen sollte, beschreibt die Theologin und Publizistin Barbara Stühlmeyer in einer 5-Sterne-Rezension für „Hexe und Jesuit“: „Die beeindruckende Frauengestalt des 19. Jahrhunderts war Schriftstellerin, sie arbeitete unter Pseudonym und konnte, was erstaunlich und für heutige Autorinnen von Romanen und Erzählungen höchst motivierend ist, von ihrer Hände Werk leben. Ihre Werke waren um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert weithin bekannt und sind heute weitgehend vergessen. Zu Unrecht.
Ruhiger Erzählstil, fein
gezeichnete Charaktere
Ihr ruhiger Erzählstil und ihre fein gezeichneten Charaktere bieten eine angenehme Lektüre mit einem gleich doppelten Zeitreiseeffekt. Denn wer Haupts Erzählungen und Romane, die häufig, wie dies im 19. Jahrhundert schon ebenso im Trend lag wie heute, historischer Natur sind, liest, taucht zum einen in die Vergangenheit ein, die sie in wohlgesetzten Worten lebendig zu machen versteht, zum anderen aber – und dies ist der Vorteil der zeitversetzten Lektüre, in die Zeit von Viktorine Endler, deren Denken ihren Erzählstil ebenso prägt wie ihre Rezeption der Stoffe, die sie behandelt.“
Anlässlich der Neuauflage von „Hexe und Jesuit“ meint die Theologin in ihrer Rezension weiter: „Haupts Erzählung macht die Verquickung von naiver Rachlust, Angst vor der Obrigkeit und den Möglichkeiten ruhiger geistvoller Argumentation deutlich. Daraus kann man auf jeden Fall lernen und schon dieser Effekt macht das Buch zu einem Gewinn für unsere Zeit.“
Die Schriftstellerin Antonie Haupt, so ihr späteres Schriftsteller-Pseudonym, wurde 1853 als erste von zwei Töchtern der Eheleute Ludwig Joseph und Anna Maria Elisabeth Bleser geboren.
Der Vater meldete die Erstgeborene beim Standesamt mit dem Namen „Philippine Victorine Anna“ an. Dabei handelte es sich bei „Philippine“ um den Vornamen der Großmutter und bei „Anna“ um den der Mutter. So wurde Victorine ihr Rufname.
Die Töchter nutzten die
große Privatbibliothek
Gut zwei Jahre später, am 16. Oktober 1855, wurde Victorines Schwester Maria geboren. Beide Schwestern wuchsen unter der liebevollen Fürsorge ihrer Eltern auf. Der Vater vermittelte ihnen eine umfassende Bildung. Spätestens als der Vater nicht nur als niedergelassener Arzt (seit 1844) praktizierte, sondern leitender Arzt am Landesarmenhaus wurde und dort eine geräumige Dienstwohnung mit zwölf Zimmern bezog, war es ihm möglich, seine Büchersammlung, die mit 40  000 Bänden eine der größten Privatsammlungen in Deutschland gewesen sein dürfte, aufzustellen. Die Bücher wurden von den Töchtern rege genutzt. Dabei kristallisierte sich bei Victorine eine besondere Vorliebe für Heimatgeschichte und Geographie heraus.
Der Vater war ein großes Vorbild für die Kinder – besonders in der tätigen Nächs-
tenliebe. So verarztete Dr. Bleser alle Armen der Umgebung kostenlos.
Beide Mädchen besuchten die höhere Töchterschule. Von Victorine wissen wir, dass sie zunächst Assistentin ihres Vaters wurde. Während dieser Zeit bemerkte der Vater, dass Victorine gern und gut schrieb. So wünschte er, dass sie einmal Schriftstellerin würde.
Zu den traurigen Ereignissen, die sie durchlebte, gehörten die Kriege von 1864, 1866 und 1870. In dieser schweren Zeit sah sie viele Gefangene und Notleidende.
Ein besonderes Ereignis blieb ihr stets präsent: die Verfolgung auf Grund religiöser Überzeugung. Hier ist besonders die Verhaftung eines Freundes ihres Vaters zu nennen, nämlich die des Trierer Bischofs Matthias Eberhard.
Diese prägende Zeit des Kulturkampfes festigte in der jungen Frau den überlieferten Glauben.
Die Welt schien für die Mutter und die beiden Töchter zusammenzubrechen, als Dr. Bleser in der Ausübung seiner ärztlichen Tätigkeit – bei Hausbesuchen – einen völlig unerwarteten Herzschlag erlitt. Die Bewohner Triers trauerten mit den Angehörigen.
Pseudonym nach einem
Heiligen und der Großmutter
Nach dem Tod des Vaters wurden sowohl Victorine als auch Maria Schriftstellerinnen. Victorine nannte sich Antonie Haupt, in Anlehnung an ihren Lieblingsheiligen Antonius von Padua. „Haupt“ war der Mädchenname ihrer Oma. Ihre Schwester Maria wählte sich das Pseudonym Alinda Jacoby, nach dem Geburtsnamen ihrer Mutter.
Auf Anraten einer Freundin zeigte Victorine ihr Manuskript „Ein adliger Sproß“ Kaplan Friedrich Dasbach (1846-1907), der gerade die „Trierische Landeszeitung“, die Paulinus-Druckerei und das Paulinusblatt gegründet hatte.
Der Priester war sehr von dem Können Antonie Haupts angetan und veröffentlichte ihre erste Novelle in der „Landeszeitung“.
Zu Dasbach, der sie förderte und ihr Mut machte, hatte sie stets ein freundschaftliches Verhältnis. Man darf annehmen, dass Dasbach für Victorine sowohl als Priester in der schweren Zeit des Kulturkampfes – ihm wurde zunächst die Erteilung des Religionsunterrichts und später jeder priesterliche Dienst verboten –, als auch später als Reichstagsabgeordneter, ein kämpferisches Vorbild für die gute Sache war.
Vieles hatten die Mädchen des Dr. Bleser gemein. Nicht nur, dass sie beide Schriftstellerinnen wurden und sich besonders um das katholische Schrifttum der damaligen Zeit verdient gemacht hätten; nein, sie heirateten sogar am gleichen Tag.
Die Doppelhochzeit fand am 27. Tag des Wonnemonats Mai 1887 in der St. Antonius Kirche statt, die von Kindheitstagen an ihre Pfarrkirche war. Maria heiratete den Fabrikanten Krug aus Mainz und Victorine den Kaufmann Bernhard Endler aus Hannover.
Ein päpstlicher Orden
kommt nach Hannover
Die heute noch im Besitz ihres Großneffen befindlichen Briefe sind Zeugnisse, dass es sich bei Victorines Ehe um eine liebevolle und harmonische Bindung handelte. Sie unterstützten sich gegenseitig und waren vereint in ihrem Tun zum Wohle der katholischen Sache.
Für seine Verdienste im kirchlichen
Leben – wie den Einsatz für katholische Vereine – bekam Endler von Papst Benedikt XV. 1921 das goldene Ehrenkreuz „Pro Ecclesia et Pontifice“ verliehen. Damit war er der erste Hannoveraner Bürger, dem diese hohe Ehre zuteil wurde.
Die Geburt ihrer Tochter Antonie war das große Glück der Eheleute.
Victorines Ehemann verstarb mit knapp 67 Jahren unerwartet am 17. Mai 1923. Nahezu täglich besuchte die Witwe das Grab ihres Mannes auf dem Friedhof in Hannover-Stöcken.
Am 29. Januar 1932 verstarb im 80. Lebensjahr Victorine nach kurzer Krankheit. Ihre letzte Ruhestätte fand sie ebenfalls auf dem Stöckener Friedhof an der Seite ihres teuren Gatten.
Der Grabstein wurde von der befreundeten Künstlerin Hildegard Domizlaff aus Köln mit der Darstellung einer Pieta gefertigt.
Ihre Heimatstadt Trier ehrte Antonie Haupt in den 1950er Jahren mit einer Straße, die auch heute noch „Antonie-Haupt-Straße“ heißt. 2012 widmete die Stadt Hannover der verdienten Autorin im Stadtteil Ricklingen einen Weg.

Elmar Lübbers-Paal