Platt inne Kärke: Teil 4 über ein Kreuz im Emsland

Dät Steenerne Krüss van Lengerich

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ein Kreuz
Nachweis

Foto: Renate Fuest

Caption

An die Geschichte der Katholiken im Raum Lingen in den Jahren 1715 bis 1718 erinnert dieses steinerne Kreuz bei Lengerich. 

Für den einen ist es das Wegekreuz inmitten einer weiten Landschaft, für die andere ein Felsblock unter dem grünen Blätterdach: Es gibt viele Plätze, die Menschen mit ihrem Glauben und ihrer Spiritualität verbinden. Um solche manchmal auch verborgenen Orte geht es in der neuen Serie von „Platt inne Kärke“. Heute erzählt Renate Fuest von einem Steinkreuz in Lengerich im südlichen Emsland. Auf Platt- und Hochdeutsch.

Dei Wörde „Lost Places“ bünnt ein engelsken Utdruk för verloatene off vergätene Stähn un Hüse. Eher Joahrn wörn dei wichtich för dei Lüe. Manges hän sei uk religiöse Ursprünge. So einen Platz givt dät uk in dei Gemeinde Lengerich, tüsken Wisken un Äcker unner dei groten Windmöhlen. Midden in’t Land, up einen freien Platz, ümgäven van grote Böhme, steiht ein grootet Krüss (1,50 m) up einen nett so groten Altar. Beides besteiht ut Sandsteen.

Wägen ehren Gloven verfolgt

Ein Steenkrüss midden up Land? Wat häv dät tau bedühn? Dat „Steenerne Krüss“ in’n Lengericher Bruch erinnert doran, dat dei Katholiken in dei Niedergrofschuft Lingen van 1597 bis 1702 wägen ehren Gloven verfolgt wörn.

eine Frau
Renate Fuest. Foto: Anna Solbach

Domals stünden in Handrup bi denn Hoff van denn Buur Tieke säben sücke Steenkrüße sünner Inschrift. Vör vähle, vähle Joarn wörde vertellt, dät dät Land hier heller nätt was un Brook hedde. Vertellt wörde uk, dät Hochtiedslüe met ehren Kutscher bi ein Kutschenunglück üm‘t Läben kömen un in’t nätte Moor versackt bünnt. Eine Scheteree dichtbi maakde dei Peerde bange. Sei güngen dedör. As Andenken wörden drei Steenkrüße upstellt. Läter kömen noch veer detau.

Sesse van düsse Steenkrüße wörden brukt üm 1791 denn westlichen Gäbel van dei olle Lengericher Kerke tau reparieren. Dät säbente Krüss is just dät Krüss, wat vandaage in’t “Haselünner Felde“ steiht, tüsken dei Windmöhlen an dei Grenze tau Lingen.  Dit Steenkrüss is settet woarn as Andenken an dat „Gotteshuus“, dät dor moal stünnt.

Midden in dei Heide eine Schürenkerke

Trügge gäht dei Geschichte üm dit Krüss in dei Tiet äs dei Oranier dei Grofschuft Lingen mit dei Provinz Overijssel tauhope schlöten.  Dei Gägend wörde reformiert. So mössden dei Katholiken in Lengerich ehre Misse ein Settken in denn Saal van dei Burg Lengerich (hüt Bürgerpark) fiern. As Wilhelm van Oranien dei Grofschuft Lingen 1674 trügge erobert hä, mössden dei Katholiken dei Misse up dei annere Siete von dei Landesgrenze fiern, up Harrjans Hoff in Lotten bi Haselünne.

In‘t  Joahr 1715 kunnen dei Katholiken bi Lengerich in’n Brook ein Stück Land von 7,9 Ar kopen. Dor häbbt sei midden in dei Heide eine Schürenkerke henbaut, sünner religiöse Teiken, dät was verboahn. Drei Joahre lang fierden dei Glövigen ut Lengerich hier ehre Missen. Vertellt wörde, dät offschon dei Wäge schlecht wassen un wiet, dei Missen heller gaut besöcht wassen.

To’n Gedenken an disse Notkerke (Gotteshuus) is 1862 dat hüütige „Steenerne Krüss“ upstellt woarn. An denn ersten Sönndag in September sammelt sück dei Kerkengemeinde van Lengerich dor und fiert ehre Misse. Sei gedenkt ehre Vörfahrn. Dei Inschrift up dei Vördersiete van dat Krüss lutt: „Andenken der Glaubenstreue der Niedergrafschaft Lingen“. Op dei Achtersiete steiht: „Kirchhausstätte der kath. Gemeinde Lengerich in der Oranischen Glaubensverfolgung vom Jahre 1715 – 1718, errichtet 1862“. 1952 kreeg dat Krüss einen Altarsockel, 2002 wörde dei Altarinsel met Sandsteenquader vergröttert. 

För dei Kerkengemeinde Lengerich einen besünneren Wert

Wat as ein „Lost Place“ utkick, heff för dei Kerkengemeinde Lengerich einen besünneren Wert.  Einmoal in’t Joahr tröfft sei sük hier, nich bloß üm Misse tau fiern, man uk üm bi Kuffie un Kauken ein Settken tauhoope tau sitten.

Tau finden is dät Steenerne Krüss in Lengerich, wenn man mit Auto von Haselünne no Fürstenau föhrt, up rechte Siete. Et geiht dei „Steinkreuzstraße“ rin. „Google Maps“ wiest denn Wech. Hier steiht kien Schild. Well von Lengerich kump, föhrt dei Schilder noah. Wat för‘n wunderboarn Rastplatz för Fietsers un Wanderslüe!      

 

Die Übersetzung auf Hochdeutsch:                                                                           ´

„Lost Places“ ist ein englischer Begriff, der verlassene oder vergessene Plätze und Gebäude beschreibt, die in der Vergangenheit für die Menschen von großer Bedeutung waren, jetzt aber nur noch wenig Beachtung erhalten. Ein solcher Ort befindet sich in der Gemeinde Lengerich, zwischen den Feldern unter den Windmühlen. Auf einem freien Platz, umgeben von imposanten Bäumen, findet man ein großes Steinkreuz auf einem steinernen Altar. 

Wegen ihres Glaubens verfolgt

Welche Geschichte steckt dahinter? Das „Steinerne Kreuz“ im Lengericher Bruch erinnert an die Glaubensverfolgung der Katholiken in der Niedergrafschaft Lingen, die von 1597 bis 1702 andauerte. Nachdem Lingen an Preußen gefallen war, wurde 1718 das Gottesdienstverbot gelockert: Katholische Gläubige durften nun in Privathäusern Gottesdienste abhalten, allerdings ohne kirchenähnliche Kennzeichen wie Kreuz oder Turm.

ein Kreuz
"Andenken der Glaubenstreue der Niedergrafschaft Lingen" lautet die Inschrift auf der Vorderseite.

Früher standen in Handrup nahe dem Hof des Bauern Tieke sieben steinerne Kreuze ohne Inschriften. Einer Sage zufolge lag die Gegend einst als großes Sumpfgebiet, in dem ein Kutscher mit einem Hochzeitswagen verunglückte: Pferde scheuten durch Schüsse, der Wagen kippte um, und die Hochzeitsgesellschaft fand im Sumpf den Tod. Dem Andenken an diese Opfer setzte man drei Steinkreuze; die übrigen vier wurden später hinzugefügt. Sechs der sieben Kreuze wurden 1791 zum Wiederaufbau des westlichen Giebels der alten Lengericher Kirche verwendet. Das letzte der ursprünglichen Kreuze ist eben dieses Steinerne Kreuz im Lengericher Feld.

Im freien Feld eine Scheunenkirche

Historisch wurde die Grafschaft Lingen 1648 mit der Provinz Overijssel verbunden; die Kirchengemeinden wurden in der Folge reformiert. In Lengerich fanden katholische Gottesdienste zeitweise im Saal der Burg Lengerich (heute Bürgerpark) statt. 1674 eroberte Prinz Wilhelm Heinrich von Oranien die Grafschaft zurück; danach wurden katholische Gottesdienste jenseits der Landesgrenze, auf Harrejans Hof in Lotten bei Haselünne, abgehalten. 1715 errichteten die Katholiken unmittelbar hinter der Grenze im freien Feld eine Scheunenkirche, die sie bis 1717 nutzten. Fast drei Jahre lang feierten die Gläubigen dort ihren Gottesdienst. Trotz schlechter Wege und großer Entfernung waren die Gottesdienste gut besucht. 

Zur Erinnerung an diese Notkirche wurde 1862 das heutige „Steinerne Kreuz“ aufgestellt; an jedem ersten Sonntag im September versammeln sich die Gemeinde des alten Kirchspiels Lengerich dort zu einem Gottesdienst, um ihrer Vorfahren zu gedenken. Die Inschrift auf der Vorderseite des Kreuzes lautet: „Andenken der Glaubenstreue der Niedergrafschaft Lingen“. Auf der Rückseite steht: „Kirchhausstätte der kath. Gemeinde Lengerich in der Oranischen Glaubensverfolgung vom Jahre 1715 – 1718, errichtet 1862“. 1952 erhielt das Kreuz einen Altarsockel und die Standortfläche wurde neu gestaltet; 2002 wurde die Altarinsel mit Sandsteinquadern erweitert.

Ein besonderer Ort für die Kirchengemeinde

Was also wie ein „Lost Place“ aussieht, hat für die Kirchengemeinde Lengerich noch immer einen Erinnerungswert und wird als gepflegtes Denkmal erhalten und weiterhin für jährliche Gottesdienste und Zusammenkünfte bei Kaffee und Kuchen genutzt.

Zu finden ist das Kreuz, wenn man von Haselünne Richtung Fürstenau unterwegs ist, auf der rechten Seite. Die Steinkreuzstraße führt zum Steinernen Kreuz. Google Maps weist den Weg. Hier gibt es keine Beschilderung. Von Lengerich aus, ist es ausgeschildert. Wanderern und Radfahrern bietet es einen wunderbaren, schattigen Rastplatz.

Renate Fuest

 

 

 

Maria Mönch-Tegeder, Bernd Büter, Hildegard Pool und Renate Fuest bilden mit Til Beckers den Arbeitskreis Platt inne Kärke. Seit vielen Jahren engagiert sich die Gruppe unter dem Dach des Emsländischen Heimatbundes dafür, der plattdeutschen Sprache im Kirchenraum mehr Gewicht zu verleihen. Lange schon schreiben die Mitglieder auch plattdeutsche Beiträge für die Kirchenzeitung. https://www.emslaendischer-heimatbund.de/projekte-und-taetigkeiten.html