Impuls zur Sonntagslesung am 29. März 2026: Palmsonntag
Der Schmerz des Vaters
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Schnitzereien in der Spitalskirche in Enzesfeld - Triestingtal
Es ist eine schwierige Frage, warum Jesus sterben musste. Um die Welt zu erlösen? Weil die Römer einen potenziellen Aufrührer beseitigen wollten? Weil der jüdische Hohe Rat einen unliebsamen Reformer – und Gotteslästerer – erledigt wissen wollte? Oder: weil Gott es so wollte?
Jesus wollte es vermutlich nicht. Schließlich bat er, dass der Kelch an ihm vorübergehen möge – und unterwarf sich doch den Plänen Gottes: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe.“ Wenn Jesu Tod am Kreuz aber Gottes Wille war: Warum hätte er dann am Karfreitag trauern sollen?
In der mittelalterlichen Kunst scheint das tatsächlich die Frage gewesen zu sein. Dort gibt es Bilder, die Kunstgeschichtler als „Gnadenstuhl“ bezeichnen. Typisch ist dabei, dass Gottvater das Kreuz mit Jesus daran in seinen Händen hält – und das mit einer durchaus stolzen Geste: Seht her, scheint er zu sagen, dieses Opfer habe ich für euch gebracht. Oft versteckt sich im Ensemble auch eine kleine Taube als Symbol für den Heiligen Geist; dann ist der Gnadenstuhl ein Symbol für die Dreifaltigkeit.
Es gibt aber auch einige wenige Skulpturen, die ganz anders sind. So wie die rechts, die um 1500 in der Werkstatt von Tilmann Riemschneider gefertigt wurde und die heute im Bayerischen Nationalmuseum in München zu sehen ist. Gottvater ist hier einerseits so dargestellt, wie man ihn aus der Kunstgeschichte kennt und wie er bildlich nicht nur in Kinderköpfen steckt: ein alter Mann mit Bart; die Krone auf dem Kopf kennzeichnet seine göttliche Würde.
Doch sonst ist bei dieser Skulptur vieles anders. Gottvater hält Jesus im Arm. Er hält ihn genau so, wie wir es von Maria kennen, der trauernden Mutter. Sein Gesicht zeigt nichts als Schmerz. Da ist keine Spur von göttlichem Triumph, keine Spur von Auferstehung. Den toten Jesus umgibt kein Glanz, kein schimmernder Heiligenschein. Hier ist die Kreuzigung keine Durchgangsstation zur Auferweckung. Hier ist sie, was sie ist: ein elender, quälender Tod. Und Gottvater, den Jesus Abba – Papa – nannte, scheint das zu wissen.
Warum hat sich diese Kunstform nicht durchsetzen können?
Wer in Kirchen geht, sieht oft Kerzen vor der Pietà, der leidenden Muttergottes, brennen. Seit Jahrhunderten suchen und finden Mütter Trost bei der Frau, die ihr eigenes Kind hat sterben sehen – das Schrecklichste, das Eltern passieren kann. Sie wissen ihren Schmerz im Schmerz Mariens aufgehoben. Warum, fragt man sich, hat der trauernde Gottvater es selten in Kirchen geschafft?
Der spätmittelalterliche Holzschnitzer hat eine fast menschliche Szene geschaffen: Gott hält Jesus so im Arm, wie jeder trauernde Vater sein totes Kind halten könnte – damals wie heute und überall auf der Welt: in der Ukraine, im Iran, im Sudan oder in Deutschland. Wäre die Skulptur nicht ein gutes Andachtsbild für Väter, ein Anlaufpunkt, um Leid und Schmerz vor Gott zu tragen, der dasselbe durchgemacht hat?
Es ist Spekulation, aber ich vermute, dass es zwei Dinge sind, die dieser Kunstform erst zu einem Schattendasein und dann zu einem schnellen Ende verholfen haben.
Erstens: das Gottesbild. Dass Gott liebt – ja, das glauben wir. Aber dass er leidet? Gott ist doch der Allmächtige, der Herrscher über Himmel und Erde. Würde Leid, wie Menschen es empfinden, nicht an seiner Würde kratzen? Ist er darüber nicht erhaben? Wegen dieses Empfindens haben sich ja jahrhundertelang die Menschen lieber an Maria und die Heiligen gewandt: weil Gott so fern war, so groß, so übermächtig, dass es Vermittlung brauchte. Der Vater, der Schmerz empfindet, passte einfach nicht ins Bild.
Zweitens: das Männerbild. Dass auch Väter um tote Kinder trauern – ja, das glauben wir. Aber zeigen sollten sie es früher nicht. Mannsein hieß stark sein. Zu weinen und sich mit dem eigenen Kummer zu Maria zu flüchten, das konnten sich nur Frauen leisten. Männer sollten schnell wieder zum Alltagsgeschäft übergehen und einen Panzer um ihren Schmerz legen. Und irgendwie, ganz tief in unseren Rollenmustern drin, ist es doch heute noch so, oder?
Der Vorhang zerriss, Gott war den Augen aller preisgegeben
Gott, der tief um den toten Jesus trauert:Vielleicht kann dieses Bild Sie ja in die Karwoche hinein begleiten. Vielleicht kann es einen neuen Blick eröffnen auf das Geschehen am Karfreitag. Die Evangelisten Matthäus, Markus und Lukas berichten ungewohnt einmütig davon, dass zur Todeszeit Jesu der Vorhang des Tempels zerriss. Das heißt: Das Allerheiligste, das Symbol für Gottes Gegenwart, lag plötzlich ungeschützt vor aller Augen. Gott war zu sehen – in all seinem Entsetzen, seiner Trauer, seinem Schmerz über das, was Menschen Jesus angetan haben. Warum auch immer Jesus sterben musste: Für Gott war es kein Tag der Freude, als es geschah.
Vielleicht kann dieses Bild Sie aber auch begleiten, wenn Sie Nachrichten schauen, hören oder lesen – die aus der großen, weiten Welt oder die aus der kleinen Nachbarschaft. Wenn Bomben fallen, Raketen einschlagen oder Drohnen den Tod bringen, wenn der Krebs zuschlägt oder der furchtbare Unfall, dann sind konkrete Menschen die Opfer. Und mit ihnen ihre Angehörigen, ihre Väter und Mütter, Großeltern, Geschwister, ihre Frauen, Männer und Kinder. Ihr Schmerz kann nicht unser Schmerz sein, aber zumindest können wir versuchen, ihn mitzutragen. Und ihn mit hinein zu nehmen in unser Gebet. Das Leid am Karfreitag und das Leid der Welt – so weit sind sie nicht auseinander.
Und schließlich kann das Bildnis Sie vielleicht begleiten, wenn Sie selbst einen Schicksalsschlag erlebt haben – gerade dann, wenn Sie ein Mann sind. Den Schmerz zu zeigen, offen und ehrlich, was soll daran peinlich sein? Gott selbst hat es doch vorgemacht: „Da riss der Vorhang im Tempel in zwei Teile von oben bis unten. Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn.“ (Markus 15,38–39)