Kinder- und Jugendtrauergruppe Twistringen

Der Schmerz kommt in Schüben

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Trauerkerzen
Nachweis

Foto: Anja Sabel

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Eine Kerze für den Papa anzünden: das gehört zu den Ritualen in der Kinder- und Jugendtrauergruppe Twistringen.

Kinder trauern anders als Erwachsene. Nach dem Tod eines geliebten Menschen fangen sie zwar schnell wieder an zu spielen, scheinen unbeschwert. Aber das kann sich jeden Moment ändern. Ehrenamtliche in der Kinder- und Jugendtrauergruppe Twistringen sind einfühlsame Begleiter.

Hedi kramt in der Spielzeugkiste nach Stiften und malt mit kräftigen Farbstrichen – konzentriert auf ihr Bild. Doch die Sechsjährige hört den Erwachsenen am Tisch auch ganz genau zu. Als ihre Mutter erzählt, dass sich ihr Mann die Musik zu seiner Beerdigung selbst ausgesucht habe, wirft Hedi ein: „Techno.“ Ja, ein Lied mit Techno-Elementen sei es gewesen, bestätigt die Mutter und fügt hinzu: „Ich bin froh, dass Hedi sich vor allem an die schönen Momente erinnert“: an das Lächeln ihres Papas – oder an die Musik bei der Trauerfeier und dass danach noch alle zusammen essen waren. Prompt meldet sich das aufgeweckte Mädchen wieder zu Wort: „Ja, das hat Spaß gemacht.“

Vor anderthalb Jahren hat Hedi ihren Vater verloren, Kim Meyer-von Schlieben ihren Mann. Er starb an Krebs, wurde nur 43 Jahre alt. Seitdem besucht Hedi die Kinder- und Jugendtrauergruppe der Malteser in Twistringen, begleitet von einfühlsamen und geschulten Ehrenamtlichen. Sie stehen ihr bei – so wie auch anderen jungen Trauernden, die ein ähnliches Schicksal teilen.    

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, bleiben Kinder zurück, die diesen Verlust bewältigen müssen. Kinder und Jugendliche, sagt Ansprechpartnerin Silke Meier-Sudmann, trauern auf ihre ganz persönliche Art. Oft halten sie sich dabei in der Familie zurück, um die Erwachsenen nicht noch trauriger zu machen. Deshalb tut es vielen gut, in einer Gruppe mit betroffenen Gleichaltrigen zu erleben, dass sie nicht allein sind.

Kommt ein Kind neu in die Gruppe, darf es eine Kerze gestalten. So wie Hedi damals. Seitdem zündet sie die Kerze bei jedem Treffen an, erzählt, was sie in den letzten 14 Tagen erlebt hat und wie es ihr gerade geht. „Solche Rituale geben Halt und Sicherheit“, sagt Johannes Meyer, einer der Ehrenamtlichen. Aber man müsse akzeptieren, dass Kinder, wie auch Erwachsene, sehr unterschiedlich sind. „Es gibt einige, die haben ein Mitteilungsbedürfnis, andere sind verschlossen, es dauert, bis sie sprechen.“

In der Trauerbegleitung heißt es: Kinder sind Pfützenspringer

Beruhigend ist: Die Kinder wissen, warum sie und die anderen hier sind. Sie müssen das Thema nicht vertiefen, können sich aber jederzeit einem Ehrenamtlichen anvertrauen. „Das geht bei Kindern oft sehr spontan“, erklärt Meyer. „Wir sagen in der Trauerbegleitung: Kinder sind Pfützenspringer. Sie können in sich gekehrt sein, in der nächsten Sekunde springen sie auf, lachen, möchten was Tolles basteln, Musik machen oder sich verkleiden. So verarbeiten sie ihre Trauer. Wichtig ist, dass immer jemand da ist, der sie begleitet und sensibel reagiert.“

Silke Meier-Sudmann, hauptamtliche Koordinatorin des Hospizdienstes, hat mit ihrer Kollegin Hildegard Franzlüning die Gruppe in Twistringen vor drei Jahren gegründet. Zuvor haben sie sich zu Kinder- und Jugendtrauerbegleiterinnen ausbilden lassen. Fünf Kinder nutzen das Angebot zurzeit, Jugendliche im Moment nicht. Entstanden ist die Idee durch ein Hospiz-Schulprojekt, das Kinder und Jugendliche von der Grundschule bis zum Gymnasium an die Themen Sterben, Tod und Trauer heranführt und ihnen Gelegenheit gibt, sich mit solch einschneidenden Erlebnissen auseinanderzusetzen. „Manchmal sind Kinder betroffen, und die Lehrer wissen gar nichts davon. Wir begleiten auch Familien, in denen ein Elternteil gestorben ist. Mit der Trauergruppe wollten wir eine Lücke schließen“, sagt Meier-Sudmann.

Trauergruppe
Kim Meyer-von Schlieben und ihre Tochter Hedi (links) fühlen sich wohl in der Kinder- und Jugendtrauergruppe Twistringen. Johannes Meyer hilft ehrenamtlich mit, genauso wie Silke Meier-Sudmann (rechts) und Hildegard Franzlüning. Foto: Anja Sabel

Kim Meyer-von Schlieben schwärmt von der Gruppe – nicht nur, weil sie ihre Tochter in guten Händen weiß, sondern auch, weil sie sich nebenan bei Kaffee und Tee mit anderen Müttern austauschen kann, die ebenfalls ihren Mann verloren haben. Sie sagt: „Das ist meine Therapie. Ich bin hier unter Gleichgesinnten, die verstehen, was ich sage, ich muss mich nicht groß erklären.“

Nach dem Spiel, sobald die Kerzen wieder ausgepustet sind, mit einem Wunsch für sich oder die Verstorbenen, verbringen Kinder und Erwachsene noch kurz Zeit zusammen. „Manchmal sind Eltern durch den Verlust des Partners in ihrer eigenen Trauer so gefangen, dass der Blick auf das Kind in der ersten Zeit nur sehr eingeschränkt möglich ist. Deshalb ist die gemeinsame Schlussrunde wichtig“, betont Johannes Meyer.

Über sein Ehrenamt musste der frühere Förderschullehrer nicht lange nachdenken. Beruflich habe er oft erlebt, wie sehr Traumata Kinder und Jugendliche ein Leben lang blockieren können, sagt er. Die Worte Jesu im Johannesevangelium – „Ich bin gekommen, damit ihr das Leben in Fülle habt“ – versteht Meyer als einen Auftrag, „der ganz viel mit Lebensbegleitung zu tun hat“.

Er wendet sich Kim Meyer-von Schlieben zu, sagt: „Du hast Hedi in den ganzen Prozess des Abschiednehmens mit hineingenommen, das habe ich sehr bewundert.“ Die Angesprochene nickt und antwortet: „Ich würde es wieder genauso machen.“ Mutter und Tochter haben ihren Ehemann und Vater zu Hause bis in den Tod begleitet. „Wir haben alle drei ziemlich schnell lernen müssen, offen miteinander zu sprechen.“ Hedi war drei Jahre alt, als ihr Vater an Krebs erkrankte. Sie bekam mit, dass er operiert werden musste und wie das mit der Chemotherapie lief. Mit Teddys spielte sie alles nach. „Irgendwann dachten wir, das sei alles zu viel für sie“, sagt die Mutter. Aber sie hat rebelliert, wollte nicht ausgeschlossen werden. „Sie hat mich rational, völlig klar in ihrer Welt, damit konfrontiert.“

Wer weiß, was passiert, kann anfangen, es zu verarbeiten.

Dass Kim Meyer-von Schlieben gemeinsam mit ihrer Tochter zum Beispiel die Urne aussuchte und sie mit zur Beerdigung nahm, stieß auf Widerstand in der Familie. Sie kann verstehen, dass vor allem die ältere Generation Kinder vom Thema Tod fernhalten will, um sie zu schützen. „Aber wir fühlten uns bestärkt durch den Palliativpflegedienst und eine Psychoonkologin, die ein sehr modernes Denken mitgebracht haben.“ Auch Silke Meier-Sudmann ist überzeugt: Ehrlichkeit schaffe Vertrauen – das sei eine Basis für Trauerarbeit. „Denn wer weiß, was passiert, kann anfangen, es zu verarbeiten.“

Hedi sei ein extrovertiertes Kind, sagt ihre Mutter. Einerseits. Andererseits „trauerte sie nicht so, wie ich es mir gewünscht hätte. Keine Tränen, keine gedrückte Stimmung. Eine Zeitlang habe ich gedacht, mit meinem Kind stimmt was nicht“. Sie lernte, dass dieses Verhalten völlig normal ist. Mittlerweile beginne Hedi zu verstehen, dass der Tod endgültig ist. „In einem Moment ist sie glücklich und zufrieden, im anderen Moment hat sie große Sehnsucht nach ihrem Papa.“

Auch bei Kim Meyer-von Schlieben kommt der Schmerz in Schüben. Anfangs, sagt sie, habe sie sich noch sehr zurückgenommen und Gefühle erst abends auf dem Sofa zugelassen, wenn die Tochter schon im Bett war. „Heute weine ich, wenn ich weinen möchte.“ Die Trauergruppe tut beiden gut. Selbst als Hedi krank im Bett lag und ein Treffen ausfallen lassen musste, „war sie kaum zu bremsen“.

Anja Sabel
Zur Sache

Mit Empathie und Fachkenntnis begleiten Ehrenamtliche in Twistringen junge Trauernde. Dafür wurde die Kinder- und Jugendtrauergruppe des Malteser-Hilfsdienstes 2025 mit dem Sonnenschein-Preis der Caritas-Gemeinschaftsstiftung Osnabrück ausgezeichnet. Das Angebot der Gruppe gilt für den gesamten Landkreis Diepholz. Kontakt: Telefon 0 42 43/9 70 30 05, E-Mail: silke.meier-sudmann@malteser.org