Pfarrarchivar hilft bei Projekt zu NS-Zeit mit

Erinnerungsweg in Papenburg geplant

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zwei Personen im Pfarrarchiv
Nachweis

Foto: Petra Diek-Münchow

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Fotos, Zeitungen, Dokumente: Hans Gerd Walker zeigt Tessa Hesener das Pfarrarchiv in St. Antonius in Papenburg.

Hans-Gerd Walker ist seit Jahrzehnten passionierter Heimatforscher. Auch deshalb kümmert sich der Papenburger akribisch um das Pfarrarchiv seiner Heimatgemeinde St. Antonius. Mit Unterlagen daraus unterstützt er nun ein Projekt, das die Verbrechen der Nazis im Stadtbild sichtbarer machen will.

Hans-Gerd Walker steigt die Stufen in den Keller hinab, schließt die Tür auf und schaltet das Licht an. „Da sind wir“, sagt der 68-Jährige und zeigt mit einem stillen Lächeln sein kleines Reich – das Pfarrarchiv der Papenburger St.-Antonius-Gemeinde. In den zwei Räumen stehen viele Regale: von oben bis unten gefüllt mit Aktenordnern, Büchern, Kartons, Mappen. Allesamt bewahren sie Dokumente aus der langen Geschichte von St. Antonius auf. „Das sind ja echte Schätze“, sagt Tessa Hesener ebenso staunend wie neugierig. Und die 27-Jährige würde am liebsten sofort einige Schuber durchforsten.

Ein zentraler Ort im Verfolgungsapparat

Vor allem jene, die von den Jahren 1933 bis 1945 in Papenburg erzählen. Walker hat auf seinem schlichten Schreibtisch im Pfarrarchiv schon einige passende Zeitungsberichte dazu ausgebreitet, die die junge Frau nun aufmerksam Seite um Seite studiert. Hesener gehört als wissenschaftliche Mitarbeiterin zum Team des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ), das die Geschichte der 15 NS-Konzentrations- und Strafgefangenenlager im Emsland erforscht, dokumentiert und vermittelt. Und gerade jetzt treibt sie ein vom Land Niedersachsen gefördertes Projekt voran, das Hans-Gerd Walker mit Wissen und Material aus dem Pfarrarchiv begleitet.

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Die ehemalige Synagoge in Papenburg. Foto: Pfarrarchiv St. Antonius

Es geht dabei um einen vier Kilometer langen Erinnerungsweg entlang des Papenburger Hauptkanals. Dort sollen bis zum Frühjahr 2027 fünf hohe Stelen installiert werden, die an die lokale NS-Geschichte erinnern. Denn was in Papenburg bisher darüber zu erfahren ist, reicht nach Ansicht von Tessa Hesener nicht aus. „Man sieht bei uns am Hauptkanal die Orte der NS-Verbrechen nicht wirklich“, bemängelt die gebürtige Papenburgerin. „Es fehlen weiterführende Informationen und eine entsprechende historische Einordnung.“ Und dabei war die Stadt im nördlichen Emsland nach ihren Worten ein zentraler und wichtiger Ort innerhalb des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates.

Sie meint damit zum Beispiel, dass in Papenburg die Kommandatur für die Strafgefangenenlager im Emsland und in der Grafschaft Bentheim stand. Dass am Bahnhof alle Häftlinge der 15 Lager ankamen. Dass auch hier am 10. November 1938 die ehemalige Synagoge in Flammen aufging. Dass nach ihrer Kenntnis bei der früheren Firma Höveler&Dieckhaus Zwangsarbeiter beschäftigt wurden. An genau diesen Orten sollen nun die Erinnerungsstelen installiert werden.

"Wir wollen da eng zusammenarbeiten"

Und bei der St.-Antonius-Kirche – in deren Turm wie in vielen anderen Orten die Glocken zerschlagen wurden, um daraus Metall für die Rüstungsindustrie zu gewinnen. Häftlinge aus den Emslandlagern mussten bei der Aktion mithelfen, Fotos belegen das. Und genau die hat Hans-Gerd Walker mit entsprechenden Informationen an das DIZ weitergegeben, noch vor dem offiziellen Projektstart. Eher zufällig hatte sich der Kontakt ergeben. Nun will der Pfarrarchivar die DIZ-Initiative mit seinem Know-how und mit seinem Wissen auch weiter unterstützen. „Wir wollen da eng zusammenarbeiten“, sagt Hesener sichtlich erfreut.

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So könnten die Stelen über die Nazizeit in Papenburg aussehen. Foto: cDIZ Emslandlager, KI generiert

Denn das Projekt will noch mehr als nur fünf Stelen mit kurzen Texten aufstellen. Ergänzend dazu soll es eine multimediale und interaktive App mit QR-Codes für Handy oder Tablet geben, mit der Besucherinnen und Besucher den Weg und die Orte eigenständig erkunden können. In der App können sie weiteres Material, Karten, Fotos, digitale Rekonstruktionen und Beiträge von Schülerprojekten abrufen. „Bei uns im DIZ entstehen immer wieder beeindruckende Arbeiten von Schulklassen wie Ausstellungen oder Podcasts“, sagt Hesener. Die möchte sie in der App auch anderen Menschen zugänglich machen – und hofft, damit neue Impulse für die Erinnerungskultur in ihrer Heimatstadt setzen zu können. 

Walker unterstützt das Vorhaben ausdrücklich. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte ist dem gelernten Vermessungstechniker wichtig. Schon seit Jahrzehnten widmet er sich unter anderem der Familienforschung – wer in Papenburg darüber etwas wissen will, ruft oder klopft dafür bei ihm an. Auch Studierende erkundigen sich oft bei ihm. Sicher auch, weil seine Familie eine der ersten Siedler in der Stadt war. „Unsere Spuren lassen sich echt lange zurückverfolgen.“

Auch wenn das ein ganz anderes Kapitel der Stadtgeschichte ist, wird Tessa Hesener an dieser Stelle erneut hellhörig. Interessiert schaut sie zu, als Walker im Pfarrarchiv einen Schrank öffnet, in dem Kirchenbücher aus lange zurückliegenden Jahrhunderten lagern. „Hier haben wir eins von 1678, das Taufregister“, sagt er und blättert vorsichtig die vergilbten und eng beschriebenen Seiten um. „Einige Namen gibt es heute noch“, sagt der 68-Jährige und Tessa Hesener schaut ihm gespannt über die Schulter.

Noch spannender wird es für sie, als Walker einen flachen Karton öffnet, in dem eine Mappe mit der Aufschrift „Krieg“ liegt. Todesnachrichten liegen darin. Kurze, von nationalsozialistischem Pathos getränkte Briefe an die Familien zu Hause, dass der Vater, der Sohn oder der Bruder „im Kampf um die Freiheit des großdeutschen Reiches in soldatischer Pflichterfüllung getreu seinem Eid für Führer, Volk und Vaterland“ 1944 gefallen ist. Sehr nachdenklich schaut die junge Frau darauf. „Hier würde ich jetzt gerne noch bleiben und weiterlesen.“

Petra Diek-Münchow

Die Stiftung Niedersachsen hat das Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager in Papenburg als „Niedersächsischen Kulturort“ ausgezeichnet. Das DIZ kümmert sich um eine lebendige, dezentrale Erinnerungskultur. Das Archiv steht Interessierten zur Recherche zur Verfügung – vor Ort und zunehmend auch digital. Information im Internet: https://diz-emslandlager.de/