Militärseelsorge im Bistum Osnabrück

„In erster Linie ein Friedensdienst"

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Schild Militärseelsorge und Pfarrer Daniel Brinker
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Fotos: KS/Jörg Volpers/privat

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Ein offenes Ohr haben für Soldatinnen und Soldaten: Das ist die vorrangigste Aufgabe der Militärseelsorge.

Pfarrer Daniel Brinker wird ab September Militärpfarrer in Leer. Zu diesem Militärpfarramt, dem einzigen im Bistum Osnabrück, gehört der Standort in Westerstede mit dem Bundeswehrkrankenhaus sowie weitere Standorte in Lorup, Nordhorn, Quakenbrück, Ramsloh/Saterland und Weener. Zuletzt leitete Brinker die Pfarreiengemeinschaft Salzbergen und Holsten-Bexten.

Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine sprechen wir von einer Zeitenwende. Das Putin-Regime stellt eine Bedrohung für Europa, für die Nato dar, deshalb sind Aufrüstung und Wehrpflicht auch in Deutschland wieder im Gespräch. Mit welchen Gedanken und Gefühlen übernehmen Sie Ihre neue Aufgabe als Militärseelsorger?

Mit einem sehr guten Gefühl. Weil es gerade jetzt darum geht, Soldatinnen und Soldaten zu begleiten. Als Seelsorger wird es meine erste und vorrangigste Aufgabe sein, ein offenes Ohr für sie zu haben und ihnen Hilfe anzubieten. Ich glaube, es ist wichtig, dass Soldatinnen und Soldaten das, was sie erleben oder erleben werden, in der Kaserne und im Einsatz lassen können und nicht nach Hause in ihre Familien mitnehmen.

Was bedeutet die Zeitenwende für die Militärseelsorge?

Das, wofür Soldatinnen und Soldaten ausgebildet sind – ein Verteidigungseinsatz, ein Auslandseinsatz – könnte schneller kommen als gedacht. Ich glaube, dass das Wissen, in der aktuellen Bedrohungslage zur Waffe greifen zu müssen, eine neue Stressbelastung für sie sein wird.

Warum haben Sie sich für die Militärseelsorge entschieden?

Zum einen, weil sie ein sehr intensiver seelsorglicher Bereich ist, zum anderen, weil sie mich schon immer interessiert hat. Bei den Menschen und an den Menschen dran zu sein – deshalb bin ich damals Priester geworden, und das hat mir zuletzt als leitender Gemeindepfarrer gefehlt. Ich war eher nah dran an Gebäuden, Finanzen oder Personalangelegenheiten. Im vorigen Jahr bin ich stressbedingt krank geworden und habe gemerkt, dass ich eine komplette Veränderung brauche.

Was erwartet Sie im Militärpfarramt Leer?

Zu meinem Pfarrbezirk gehört das Bundeswehrkrankenhaus in Westerstede; Leer ist auch die Heimat des Kommandos Schnelle Einsatzkräfte Sanitätsdienst „Ostfriesland“. Dessen Aufgabe ist es vor allem, humanitäre Hilfseinsätze zu unterstützen, Verletzte zu transportieren und zu versorgen und innerhalb kürzester Zeit ein Feldkrankenhaus aufzubauen.

Werden Sie im Ernstfall auch in den Auslandseinsatz gehen?

Das könnte ich frühestens in zwei Jahren, weil einem Auslandseinsatz eine sehr intensive Ausbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger vorausgeht. Ich würde dann auch nicht unbedingt meine Leute aus der Kaserne begleiten, sondern dort sein, wo Einheiten stationiert sind.

Pfarrer Daniel Brinker
Ab September Militärseelsorger in Leer: Pfarrer Daniel Brinker. Foto: privat

Was werden Ihre Aufgaben in der Kaserne sein?

Ganz genau weiß ich es noch nicht. Auf alle Fälle werde ich immer ansprechbar sein, es wird Besinnungsangebote und gesellige Angebote geben, auch für Familienangehörige. Ich werde Standortgottesdienste feiern und den Lebenskundlichen Unterricht erteilen – der kein Religions-, sondern ein Ethikunterricht ist.

Laut Umfragen wäre nur ein geringer Teil der Deutschen bereit, im Ernstfall das Land zu verteidigen. Viele sehen auch die Aufrüstung und Stärkung der Bundeswehr kritisch. Sind wir eine Gesellschaft, die Schwieriges verdrängt?

Ich glaube schon. Auch das Thema Tod beispielsweise wird gern verdrängt: Wir wissen, dass wir sterben müssen, können aber nicht wirklich mit dem Tod umgehen. Ähnlich ist es mit dem Verteidigungsfall. Wir leben jetzt schon so lange im Frieden – kaum jemand kann sich noch vorstellen, dass man Frieden auch verteidigen muss.

Aber hilft die Militärseesorge der Bundeswehr nicht letztendlich, kriegstüchtig zu werden?

Bei „Kriegstüchtigkeit“ geht es ja nicht darum, Gewalt als Mittel der Politik einzusetzen, sondern um den Anspruch, die eigene Wehrhaftigkeit so zu erhöhen, sodass zumindest die Hoffnung besteht, den Aggressor Russland von einem Angriff abzuschrecken. Die Bundeswehr schützt und verteidigt die Menschen im eigenen Land und im Nato-Verbund – darin sehe ich in erster Linie einen Friedensdienst. Das klingt paradox, weil Bundeswehrsoldaten auch Waffen in die Hand nehmen. Würden sie den Dienst an der Waffe glorifizieren, würde ich das verurteilen und an den Friedensdienst erinnern. Und diejenigen, die für den Frieden sorgen, können sich bei mir entlasten. Nicht im Sinne von Schuld- und Sündenvergebung, sondern dass sie auch über ihre Zweifel und Widersprüche offen reden können. Das ist meine Idee von Militärseelsorge.

Anja Sabel