Ausstellungen in Osnabrück und Bremen
Feldpost mit Friedenswunsch
Christof Haverkamp
Schülerinnen und Schüler mit ihren Lehrern Sebastian Rothe (vierter von links) und Oliver Rosteck (fünfter von links) im Kaisersaal des St. Johannis-Gymnasiums.
Von seiner Friedenssehnsucht an der Front schrieb Paul Lefmann schon im August 1915. Da lagen noch drei Jahre Krieg vor ihm: Verdun, die Somme und das Grauen der Materialschlachten. Lefmann war damals ein junger Mann in seinen Zwanzigern, ein Bremer Musiker in Uniform, stationiert in den besetzten Gebieten der Champagne und der Ardennen. Seine überlieferten Worte – mehr als eine Momentaufnahme des Krieges. Sie spiegeln die seelische Not wider, die Menschen in jener Zeit millionenfach erlitten haben. Lefmann, zunächst angesteckt von der Kriegsbegeisterung seiner Zeitgenossen, sollte den Krieg später verabscheuen.
Dass der Name des Pianisten, Chorleiters und Musiklehrers jetzt überregional bekannter wird, ist Oliver Rosteck zu verdanken. Der Geschichtslehrer an der St.-Johannis-Schule (Gymnasium und Oberstufe) in Bremen entdeckte im Musikarchiv der Stadt ein Paket Feldpostbriefe aus dem Ersten Weltkrieg – Briefe des Soldaten Paul Lefmann an Familie und Freunde. Wer Rosteck kennt, weiß, dass bei solchen Schätzen seine Augen zu leuchten beginnen. Denn diese Originale geben nicht nur Einblick in den Kriegsalltag, sondern spiegeln auch eine innere Welt wider, die über militärische Abläufe hinausgeht: Angst, Entfremdung, Verlust, Hoffnung, Menschlichkeit – und eben eine tiefe Sehnsucht nach Frieden.
Eine Plakatausstellung zur Erinnerungskultur als deutsch-französisches Unterrichtsprojekt: das war die ursprüngliche Idee. Letztendlich nahm sie größere Ausmaße an, und Oliver Rosteck konnte sowohl seinen Kollegen Sebastian Rothe als auch die Geschichtsleistungskurse der elften Klassen dafür begeistern.
Die Sorge der Schülerinnen und Schüler war im Unterricht spürbar.
42 Schülerinnen und Schüler werteten 440 Briefe aus und übersetzten die Ausstellungstexte ins Französische. Sie verknüpften regionale Geschichte mit der Biografie des jungen Musikers, der in Berlin Klavier studiert hatte und 1915 nach Frankreich eingezogen wurde, und mit den Ereignissen des Ersten Weltkrieges. Eine Schülergruppe suchte zum Beispiel nach Parallelen zu dem berühmten Werk „Im Westen nichts Neues“ von Erich Maria Remarque. Herausgekommen ist eine große Schau mit Begleitprogramm unter dem Leitwort „Eine unvorstellbare Sehnsucht nach Frieden“ (siehe „Termine“).
Ziel des Schulprojektes ist es, individuelle Kriegserfahrungen sichtbar zu machen und sie in einen größeren historischen, kulturellen und internationalen Zusammenhang einzuordnen – und einzuladen zur Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Deutschland und Frankreich und zwischen historischem Verstehen und heutiger Verantwortung.
Durch seinen Angriffskrieg brachte das Deutsche Reich unermessliches Leid über Europa, vor allem über Frankreich und Belgien. Dass der Frieden in Europa heute wieder bedroht ist, ist traurige Realität. „Die Sorge der Schülerinnen und Schüler war im Unterricht spürbar“, sagt Rosteck. Doch gerade in diesen Zeiten „erinnert Paul Lefmann an das, was Menschen trennt, aber auch daran, was uns verbindet“.
Im Herbst vergangenen Jahres reisten die Bremer Jugendlichen nach Reims, um die Ausstellung französischen Gleichaltrigen und geschichtsinteressierten Menschen vorzustellen und ins Gespräch zu kommen – über Geschichte, Erinnerung und die gemeinsame Zukunft. Reims ist ein bedeutender Ort für das Projekt: Dort reichten sich 1962 Charles de Gaulle und Konrad Adenauer die Hand zur Versöhnung, ein symbolischer Moment der deutsch-französischen Freundschaft nach dem Zweiten Weltkrieg.
Geschichte, betonen die Bremer Schülerinnen und Schüler, gehöre niemandem. Deshalb stellen sie die Materialien ihrer Recherchen offen zur Verfügung. Transkriptionen, Übersetzungen und didaktische Aufbereitungen sollen anregen zur Forschung, zu eigenen Projekten und neuen Fragen. Auf der Schul-Homepage steht: „Geschichte wird lebendig, wenn sie geteilt wird. Erinnerung wirkt, wenn sie weitergetragen wird.“
Die Feldpostbriefe waren vor vier Jahren schon einmal Forschungsgegenstand. Zwei Oberstufenschüler, Julian Thompson und Georg Tschachazpanjan, untersuchten damals die Sammlung für eine Projektarbeit in Geschichte und Deutsch. Die Jugendlichen rekons truierten das Wirken des Musikers Lefmann als Soldat des Armierungsbataillons in Frankreich. Die beiden waren Feuer und Flamme. Sie beschäftigten sich ein halbes Jahr lang täglich mit den Quellen, analysierten die Schriftstücke, ordneten sie in den geschichtlichen Kontext ein und motivierten sich gegenseitig.
Kommunikation in Kriegszeiten heute: WhatsApp-Dialog statt Feldpost
Am Ende vergab ihr Lehrer Oliver Rosteck nicht nur jeweils 15 Punkte als Bestnote, sondern fand es auch wert, die umfangreiche Recherche als Buch herauszugeben – zusammen mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Das Buch erschien als Band 1 der Reihe „SchulArbeiten – Veröffentlichungen aus der Geschichtswerkstatt und dem Archiv der St.-Johannis-Schule“.
Museumspädagogin Jessica Löscher freut sich, dass sich bereits einige Schulklassen für die begleitenden Workshops im Diözesanmuseum Osnabrück angemeldet haben. Das Briefeschreiben sei vielen Jugendlichen heute fremd, sagt sie. Aber wie sähe Kommunikation in Kriegszeiten stattdessen aus? „Wir werden dazu einen WhatsApp-Dialog entwickeln.“ Eine interaktive Ausstellung für junge Leute – genauso hat es sich Jessica Löscher gewünscht.
Termine
Die Ausstellung „Eine unvorstellbare Sehnsucht nach Frieden“ mit Feldpostbriefen des Bremer Musikers Paul Lefmann (1893 bis 1929) ist bis zum 17. April im Diözesanmuseum in Osnabrück zu sehen und vom 23. April bis 30. Mai im Bremer St.-Petri-Dom.
Das Begleitprogramm in Osnabrück:
11. März, 18 Uhr, öffentliche Führung mit Oliver Rosteck
19. März, 18 Uhr, Abendvortrag über die Kriegsdenkmäler Ludwig Noldes (Janina Majerczyk)
17. April, 18 oder 19 Uhr, Finissage: Liederabend mit den Werken von Paul Lefmann (Oliver Rosteck)
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