Aus dem Alltag eines Bremer (Kirchen)clowns
Höflich provokant
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Behutsam stören und den Menschen ein Lächeln oder Lachen entlocken: die Aufgabe der Clowns
Sie ist die kleinste Maske der Welt – die rote Clownsnase. Wer sie sich ins Gesicht pappt, kann sich so einiges erlauben: aus der Reihe zu tanzen, Emotionen übertreiben, Risiken einzugehen, Neues wagen. Mit der roten Nase lassen sich sogar spielerisch Konflikte entschärfen. Deshalb eigne sie sich hervorragend für ein Konflikttraining, sagt Jürgen Engel. Warum? Wer sich streite, bringe die gesamte Persönlichkeit ein. Humor und Lachen könnten helfen, mal auf Abstand zu sich selbst zu gehen und gelassener zu werden. „Die Clownsnase ist da ein interessanter Weg der Innenschau.“ Doch Engel, ausgebildeter Clown und Mediator aus Bremen, stellt fest: Viele weigern sich beharrlich, die Gute-Laune-Nase aufzusetzen.
Der deutsche Humor ist sehr kopfgesteuert – beispielsweise im Vergleich zum englischen Humor. Grundsätzlich lachen die Deutschen weniger als Menschen anderswo auf der Welt. „Wir sind oft mit Hemmungen aufgewachsen und verkneifen uns das Lachen, weil es als unhöflich gilt.“ Zumindest in Situationen, die wir für unpassend halten. Jürgen Engel sagt nach über 20 Jahren Clownstätigkeit: „Ich selbst bin sehr fröhlich eingestellt und nehme mich nicht zu ernst. Clown Anjol hat mich enthemmt, er ist ja Teil meiner Persönlichkeit.“
Clown Anjol alias Jürgen Engel will behutsam stören und höflich provozieren – um auf diese Weise den Menschen im Alltag ein Lachen oder Lächeln zu entlocken und ins Gespräch zu kommen. Humor mindert Stress, stärkt die Widerstandskraft und aktiviert die Selbstheilungskräfte. Engel und seine Bremer Clowns, zu denen auch seine Frau gehört, treten im öffentlichen Raum auf, unter anderem im Schnoorviertel und in Straßenbahnen. Sie sind aber auch als Kirchenclowns unterwegs, auf Pfarrfesten oder in Kindertagesstätten. Einmal waren sie sogar Überraschungsgäste in einem Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Bremen-Oslebshausen und haben dort biblische Geschichten aufs Korn genommen.
Zum Umziehen und Schminken braucht Engel etwa 20 Minuten, dann steht Clown Anjol vor einem. In XXL-Jacke, karierten Hosen und Schuhen in Größe 64. Der Name Anjol, aus dem Polnischen, ist wohlüberlegt. Er heißt übersetzt Engel. Anjol ist ein guter Clown, extrovertiert wie alle Rotclowns, zu Scherzen aufgelegt, aber auch empathisch und nachdenklich. Ehrlich, aber nicht immer wahrheitsgetreu. Ein Sympathieträger.
Man muss wissen, wann man stören darf.
Ursprünglich wollte Jürgen Engel Schauspieler werden. „Aber die Textrollen waren ein Problem. Ich kann mir ja nicht mal Gedichte merken.“ Er wurde stattdessen Bildhauer. Das darstellende Spiel ging ihm aber nicht aus dem Kopf – bis er die Clownsausbildung entdeckte. Ein Clown muss keine Texte lernen, er improvisiert, sagt er. Engel besuchte die Clownsschule in Wiesbaden, absolvierte Tanz und Theater in Hannover. Früher war der 82-Jährige zudem Clownslehrer und profitierte von seiner Ausbildung zum Mediator. „Meine Aufgabe war es vor allem, bei anderen die verborgene Clownsfigur zu finden – und das Lampenfieber in den Griff zu bekommen.
Lachen, sagt Engel, unterscheide sich. Es gibt das Bekundungs-Lachen, zum Beispiel nach der Pointe eines Witzes. Es gibt das Interaktions-Lachen, etwa in einer Begrüßungssituation. Und es gibt das Resonanz-Lachen, beim Anschauen eines lustigen Films oder beim Auftritt eines Clowns. Bei manchem Menschen lösen Clowns aber auch Ängste aus – bei Kindern unter drei Jahren zum Beispiel. Und einmal seien drei Mädchen kreischend vor ihm weggelaufen. „Die sogenannten Horrorclowns beeinträchtigen unsere Freiheit und missbrauchen Vertrauen.“ Er ist deshalb nicht gut zu sprechen auf Filmproduzenten, die Clowns für Rollen mit Gruselpotenzial besetzen. Clown Anjol trägt immer ein Namensschild an der Jacke und informiert vorsichtshalber die Polizei vor öffentlichen Auftritten.
Die Figur des Kirchenclowns hat Engel vor Jahren entwickelt. Was auch damit zusammenhängt, dass er als Erwachsener getauft wurde und zum katholischen Glauben konvertierte. Seine Glaubensheimat ist St. Johann, dort ist er Messdiener. Wo der Glaube ist, da ist auch das Lachen. Das soll Luther in einer Tischrede gesagt haben. Auch Jürgen Engel ist davon überzeugt und wirbt dafür, dass es in der Kirche fröhlich zugeht. Er hat zum Beispiel herausgefunden, dass sich unmittelbar vor der Predigt ein Freiraum für Clownsauftritte ergibt. „Man muss wissen, wann man stören darf. Und es gehört auch dazu, dass wir wieder verschwinden. Bei der Wandlung zum Beispiel haben Clowns nichts zu suchen.“
Humor nimmt das Leben ernst – aber nicht zu ernst. Das ist für Engel entscheidend. Humor und Lachen verhindern ihm zufolge, dass dem, was uns bedrückt in dieser Welt, das letzte Wort überlassen wird. Da gibt es immer noch einen Spielraum, immer noch Möglichkeiten zu agieren. Und genau das ist die Verbindung hin zum Glauben. Auch er weiß: Es geht weiter.
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