Ukrainische Kriegsflüchtlinge finden sichere Bleibe bei den Elisabethschwestern in Reinbek
„Ich dachte, es sei Feuerwerk“
Wie drei ukrainische Frauen den Kriegsausbruch und die Flucht erlebten und schließlich bei den Elisabethschwestern in Reinbek eine sichere Bleibe fanden.

Was für ein Tag! Die Sonne scheint, nur der Wind ist etwas kühl. Am Kaffeetisch im Konvent der Schwestern von der heiligen Elisabeth ist die Stimmung fast unbeschwert. Der Kuchen ist lecker, und gelacht wird auch. Die Kaffeegäste verständigen sich auf Deutsch, Englisch und Russisch. Drei junge Frauen aus der Ukraine erzählen von Menschen, die sie zurücklassen mussten. Sie berichten von ihrem Zuhause, von ihrer Flucht aus dem 1 600 Kilometer entfernten Kiew und aus dem gut 1 200 Kilometer entfernten Luzk. Und von der Ungewissheit, was nun werden soll.
Seit kurzem wohnen Sofiia Zolotopupova (21), Anna Volchok (36) sowie Natalia Fedorenko (34) mit ihrem Sohn Daniiel (7) bei den Elisabethschwestern. Sie sind auf verschiedenen Wegen nach Deutschland gekommen. Anna und Natalia kennen sich aus Studienzeiten und haben Freunde in Reinbek und Altenholz bei Kiel. Und Sofiia und Anna haben ebenfalls gemeinsame Bekannte, so dass es nicht ganz zufällig ist, dass sie am Ende der Flucht nun drei Zimmer auf einem Flur des Konvents bewohnen – dank Mobiltelefon und Whatsapp.
Die Elisabethschwestern zögerten nicht, als sie hörten, dass Unterkünfte für Flüchtlinge aus der Ukraine gesucht werden. Sie hatten sich schon für Menschen aus Syrien und Afghanistan engagiert und kümmern sich neuerdings sogar um ehemalige afghanische Ortskräfte. Nun sind es Menschen aus der Ukraine, die Hilfe suchen. Für sie haben die Schwestern im Konvent fünf Zimmer vorbereitet und das St. Adolf-Stift nebenan hat zwei Wohnungen zur Verfügung gestellt, wie Sr. Luise Wahrhausen berichtet, die als Flüchtlingsbeauftragte die Hilfe des Krankenhauses und der Schwestern koordiniert. Sie bleibt nur kurz, weil es schon wieder etwas zu tun gibt.
Oberin Sr. Chiara Lipinski findet es „wunderbar“, dass mit den jungen Frauen und dem Jungen ein bisschen Schwung ins Klosterleben kommt. Zu helfen gehöre schließlich zum Charisma der Schwestern, aber rausgehen, um sich um die Armen und Kranken zu kümmern, das könnten sie aufgrund ihres Alters nicht mehr. „Aber jetzt ist die Not direkt vor der Tür. Und viel Platz haben wir auch“, sagt die Oberin. Zwar könne der Klausurbereich nicht belegt werden, aber ein Flur ist eben doch verfügbar: „Deshalb haben wir gemeinsam entschieden: Ja, wir nehmen auf.“
Es ist ein Segen für die Frauen und den Jungen. Anna ist Musikologin, hat im Marketing gearbeitet und Klavierunterricht gegeben. Sie floh am 1. März aus Kiew, wo sie bis dahin im zehnten Stock eines Hochhauses wohnte. In den Luftschutzkeller will sie nicht, aus Angst. Doch eine Woche nach Kriegsbeginn wird ihr klar, dass sie nicht wird bleiben können. Ihre Mutter wohnt in der seit 2014 umkämpften Region um Luhansk und weiß, „dass man sich vor Bomben nicht retten kann“, wie Natalia ins Deutsche übersetzt. Mit einer Nachbarin und deren Kindern fährt Anna im Auto los. Ein Fluchtweg ist schon gesperrt, ein zweiter Weg führte aus der Stadt heraus. Im Rückspiegel sehen sie, wie er von ukrainischen Soldaten dichtgemacht wird. Sie sehen Bomben fallen, sehen das Rot in der Luft. Sie fahren über Winnyzia, eine Großstadt, wo einst Kapuziner, Jesuiten und Dominikaner Klöster bauten, nach Moldawien. Dort trifft Anna Freunde, mit denen sie über Rumänien, Ungarn und Österreich nach Deutschland fährt, nach Gießen. Von dort weiter mit dem Zug nach Hamburg, wo sie von einem Ehepaar aus Reinbek abgeholt wird.
Natalia wird am Morgen des 24. Februar, dem Tag des Kriegsbeginns, von den Einschlägen der Raketen geweckt. Sie kann es kaum glauben. „Ich dachte, es sei Feuerwerk. Doch als ich von meinem Fenster aus diesen roten Rauch gesehen habe, da wusste ich, dass es ernst ist“, erzählt sie. Mit Mann, Sohn und Oma fährt sie ins Sommerhaus vor den Toren Kiews. „Ich war so sicher, dass alles innerhalb eines Tages vorüber sein würde.“ Doch es kommt anders. Am 28. Februar bekommen sie einen Anruf, dass sie endgültig weg müssen. „Für mich war das sehr schwierig, mir vorzustellen, dass ich meinen Mann verlasse und meine Oma und meine zwei Katzen“, sagt Natalia. Die Familie fährt am 1. März zum Bahnhof. Unterwegs sehen sie Leichenwagen. „Ich habe kapiert, dass die Menschen sterben“, sagt sie. Trennung am Bahnhof, wo Natalia und Daniiel einen Sitzplatz nach Lwiw bekommen. Elf Stunden Fahrt liegen vor ihnen. Natalias Mann bleibt bei der Oma, bei den Katzen. Die Fahrt von Lwiw nach Przemyśl hinter der polnischen Grenze dauert zehn Stunden. Acht davon steht der Zug.
In Polen angekommen, hält eine Frau ein Schild hoch: „Nach Berlin“, steht drauf. „Warum nicht?“, denkt Natalia und steigt mit Daniiel in den Reisebus. Von Berlin geht es nach Hamburg, dann nach Reinbek. Ein Ehepaar, das Natalia und Anna beim Studium in Kiew kennengelernt haben, kümmert sich die ersten Tage um sie. Natalia ist keine Musikologin, sondern hat Englisch und Deutsch studiert, hat als Lehrerin gearbeitet. Das gemeinsame Studium mit Anna war ein Aufbaustudiengang über den Buddhismus. „Buddhismus ist offen für alles“, lacht Natalia. „Jeder Glaube der Welt dreht sich darum, gut zu sein und ein ethisches Leben zu führen“, ergänzt Anna, auf Russisch. Anna hat Verwandte aus Belarus, Russland und der Ukraine in ihrer Familie. Die Sprache der Feinde ist auch die Sprache geliebter Menschen. Das gilt für alle drei.
Sofiia Eltern hatten ihrer Tochter gesagt, sie solle aus Kiew in ihre Heimatstadt Luzk im Westen der Ukraine kommen. Sicherheitshalber. Das war, bevor die ersten Bomben auf Kiew fielen. An das Studium der Biomedizintechnik war für Sofiia sowieso nicht mehr zu denken. In ihrer Heimatstadt nähte sie vorerst Tarnnetze. Ihr Bruder bleibt in Kiew. Er ist Arzt und versorgt Menschen, die aus Trümmern geborgen werden. In Charkiw, in Mariupol, den Städten, die über Nacht weltberühmt geworden sind, hat Sofiia Verwandte. Gerne wäre sie geblieben, um zu helfen, doch die Eltern sagen, sie könne mehr tun, wenn es um den Wiederaufbau gehe. Sie solle die Ukraine verlassen. Am 9. März macht sie sich auf den Weg, gelangt über Breslau, Berlin und Duisburg nach Reinbek. „Ich bin den Schwestern sehr dankbar, dass sie uns so nett aufgenommen haben“, sagt Sofiia auf Englisch. „Das ist der beste Ort, an den wir kommen konnten“, findet Anna.
Kontakt in die Heimat bietet den Frauen das Internet. Fast schämen sie sich, dass es ihnen so gut geht. „Es ist wie zwei Wahrheiten, wie zwei Realitäten“, sagt Natalia. „Wenn ich mir erlaube, an die Ukraine zu denken, dann ist das wie ein Sturm an Emotionen und Verzweiflung.“ Sie erlaubt es sich nicht, unterdrückt aufsteigende Tränen. „Mein Leben ist wie ein großes Puzzle, das völlig durcheinander ist.“ Natalia versucht, sich auf ihre Aufgaben hier zu konzentrieren. Daniiel muss zur Schule, sie selbst wird bei der Arbeiterwohlfahrt als Übersetzerin aushelfen können. „In dieser Situation bitte ich Gott, Buddha, die Engel und alle – es spielt keine Rolle, dass sie meine Familie schützen, dass sie die Ukraine schützen und dass meine Freunde in Geborgenheit sind.“
Text: Marco Heinen u. Stefanie Langos