Künstlerdorf Worpswede bei Bremen

Künstlerin im Teufelsmoor

Image
Grab Statue im Künstlerdorf.
Nachweis

Foto: Branahl

Caption

Das Grab von Paula Modersohn-Becker im Künstlerdorf Worpswede.

Das Künstlerdorf Worpswede bei Bremen rüstet sich für das Jubiläum von Paula Modersohn-Becker.

Es gibt wohl keinen Ort, an dem man der Malerin Paula Modersohn-Becker (1876-1907) so nahe kommen kann wie in Worpswede. In dem Künstlerdorf nahe Bremen steht ihr geliebtes „Lilienatelier“, heute Teil einer Ferienwohnung. Wenige Fußminuten entfernt befindet sich das ehemalige Armenhaus, mittlerweile die kommunale Galerie, in dem sie viele Modelle gefunden hat. In Worpswede steht das Haus, in dem die Pionierin des frühen Expressionismus und Otto Modersohn gewohnt haben. Und auf dem Friedhof der Zionskirche ist sie begraben. Das Dorf ist also der ideale Ort für die Auftaktausstellung zum 150. Geburtstag der Künstlerin.

Ein Bogen in die Gegenwart

Der steht eigentlich erst am 8. Februar 2026 im Kalender. Doch die vier großen Museen in Worpswede würdigen die berühmteste Künstlerin des Ortes schon seit Wochen und bis zum 18. Januar 2026 mit einer Gemeinschaftsausstellung. Unter dem Titel „Der unteilbare Himmel“ sind Bilder von ihr mit Arbeiten von Weggefährtinnen zu sehen. Und Werke zeitgenössischer Künstlerinnen schlagen einen Bogen in die Gegenwart, fragen nach Frauen heute.

„Das Ringen um eine eigenständige Existenz als Künstlerin teilt sie mit vielen anderen begabten Frauen ihrer Zeit.“

Paula Becker kommt 1897 in das Dorf am Teufelsmoor und wird Schülerin von Fritz Mackensen. Von den männlichen Künstlerkollegen in Worpswede weitgehend verkannt, ist sie gezwungen, sich jenseits des etablierten Kunstbetriebs als Malerin selbst zu erschaffen. „Das Ringen um eine eigenständige Existenz als Künstlerin teilt sie mit vielen anderen begabten Frauen ihrer Zeit“, sagt Matthias Jäger, Geschäftsführer des Worpsweder Museumsverbundes.

Auf diesem Weg formt Paula Becker eine ganz eigene Bildsprache, revolutionär für ihre Zeit. Sie verzichtet in ihren Motiven auf erzählerische Elemente, Körper und Gesten schildert sie formelhaft, vereinfacht Gesichtsformen. 1899 sind einige ihrer Bilder erstmals in der Bremer Kunsthalle zu sehen, die der Maler Arthur Fitger in der „Weser-Zeitung“ mit den Worten kommentiert: „Für die Arbeiten reicht der Wörterschatz einer reinlichen Sprache nicht aus, und bei einer unreinlichen wollen wir keine Anleihe machen.“

Kritik, die zur Triebfeder wurde

Eine verstörende Kritik für die Malerin, die ihre Bilder noch am selben Tag aus der Kunsthalle abholt. Silvester 1899 bricht sie nach Paris auf, um sich in der damaligen Hauptstadt der Künste Impulse für ihre Arbeit zu holen. Das war lange vorher geplant, doch Fitgers Kritik gibt den letzten Anstoß. „Es gehört zur Pointe dieser Geschichte, dass einer der bittersten Momente ihrer jungen Laufbahn zur Triebfeder ihrer künstlerischen Entwicklung wurde“, sagt Frank Schmidt, Direktor des Paula Modersohn-Becker Museums in Bremen.

„Sie hat ihren Stil gefunden, rückt ihre Figuren nah an uns heran.“

Im Jahr 1901 heiratet sie den Maler Otto Modersohn. Doch selbst ihr Ehemann zweifelt noch an ihrem eigenständigen Weg und ihren Arbeiten. So notierte Otto Modersohn im September 1903 in seinem Tagebuch: „Hände wie Löffel, Nasen wie Kolben, Münder wie Wunden, Ausdruck wie Cretins.“ Und auch: „Rat kann man ihr schwer erteilen, wie meistens.“ Doch Paula geht weiter ihren Weg. „Sie hat ihren Stil gefunden, rückt ihre Figuren nah an uns heran“, beschreibt Frank Schmidt ihre künstlerische Handschrift. 

Er beleuchtet im Bremer Paula Modersohn-Becker Museum gerade in acht Sälen unter dem Titel „Short Stories“ Schlaglichter aus dem Leben der Namensgeberin seines Hauses. Das umfangreiche Werk von Paula Modersohn-Becker, darunter allein rund 750 Gemälde, wurde erst nach ihrem Tod bekannt. Viele Arbeiten hatte sie im Atelier gehütet, ohne sie öffentlich zu zeigen. Sie wurde nur 31 Jahre alt, starb in Worpswede am 20. November 1907 wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Mathilde an einer Embolie.

Dieter Sell