Ausbildung zu Dialogbegleitern Christentum – Islam
Religiöse Vermittler im Alltag
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Der Zertifikatskurs „Dialogbegleiter Christentum – Islam“ im Bistum Osnabrück fördert den Austausch zwischen Christen und Muslimen.
Nevio Stolp sagt, er habe richtig Glück gehabt. Der Religionsunterricht an seinem Gymnasium begeisterte nicht nur die christlichen Schülerinnen und Schüler. Auch einige Muslime wechselten in den Kurs, und bald wurde „dauerhaft interreligiös“ diskutiert. „Wir haben uns jedes Thema aus unterschiedlichen Perspektiven angeschaut und viele Gemeinsamkeiten entdeckt. Das war super spannend.“
Inzwischen studiert Nevio Stolp Umweltingenieurswesen in Aachen. Sein Interesse an Religionen und ihren Quellen ist geblieben. Der 19-Jährige hat die Bibel fast durchgelesen und nimmt sich gerade die dritte Koran-Übersetzung vor. Damit nicht genug. Im Bistum Osnabrück hat er sich zum Dialogbegleiter Christentum-Islam ausbilden lassen. Der interreligiöse Dialog ist „schon länger mein Ding“, sagt er. „Ich komme aus dem Ruhrgebiet, bin in Herne aufgewachsen, da lebt man eigentlich jeden Tag interreligiös.“ Ein Großteil seiner Mitschüler war muslimisch, und auch sein Freundeskreis ist multireligiös, „man kriegt viel mit von der anderen Seite“.
Wer nur in seiner eigenen Lebenswelt – seiner Blase – bleibt, bildet sich vielleicht Dinge ein, die nicht der Wahrheit entsprechen. Deshalb sei es wichtig, ins Gespräch zu kommen, sagt Nevio Stolp und zitiert den Theologen Hans Küng: „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen.“ Stolp leitet daraus ab: „Ohne Dialog kein Frieden unter den Religionen.“
Einer seiner besten Momente im Dialogbegleiterkurs: Christen und Muslime füllten jeweils zu zweit Fragebögen aus, beantworteten ganz banale Alltagsfragen und verglichen sie miteinander: Wie stelle ich mir einen perfekten Tag vor? Was ist mein Lieblingsort? „Es war so einfach, darüber zu reden“, schwärmt Nevio Stolp. „Wir sind uns ähnlicher als gedacht.“ Die 16 Teilnehmer beschäftigten sich mit den Grundlagen der Religionen, übten das Argumentieren gegen Stammtischparolen, besichtigten Kirchen und Moscheen und setzten eigene Projekte um, etwa interreligiöse Einheiten an Schulen oder Vorträge zu Feminismus und politischen Konflikten. Alles in allem „der perfekte Mix aus Praxis und Theorie“.
Vielleicht ist es die Sorge, den Kirchenraum zu „entweihen“ oder durch die bloße Anwesenheit einen Religionswechsel zu vollziehen: Rukiye Berisha kennt muslimische Familien, die nie eine Kirche betreten würden. Weil es Missverständnisse gibt. „Würden sie das Christentum und den Islam besser kennen und von den Gemeinsamkeiten wissen, wäre das anders“, vermutet Berisha. Sie selbst setzt sich nach Dienstschluss im Bischöflichen Generalvikariat, wo sie in der Abteilung Personalorganisation arbeitet, gerne mal in den Dom. „Es ist Gottes Haus, genauso wie eine Moschee.“
Die 49-Jährige, geboren in Osnabrück und verheiratet mit einem Mann aus dem Kosovo, hat ihre Wurzeln in der Türkei. Ihr Vater starb früh, die Mutter stand mit vier kleinen Kindern plötzlich alleine da. In der schwersten Zeit habe die Kirche der Familie geholfen, sagt Rukiye Berisha. „Das haben wir nicht vergessen.“ Und sie spricht davon, großes Glück gehabt zu haben. „Unsere Mutter hat uns muslimisch erzogen, uns aber mitgegeben, Andersgläubige zu respektieren – weil wir doch alle an denselben Gott glauben.“
Dialog fängt nicht dort an, wo wir über Religion reden, sondern wo wir merken, dass wir die gleichen Dinge mögen.
Als sie vom Dialogbegleiterkurs hörte, zögerte die Mutter von drei Kindern nicht. Brücken bauen, anstatt Mauern – das wünscht sie sich schon lange. Und sagt: „Um Verständnis füreinander zu schaffen, müsste es uns Dialogbegleiter überall geben.“ Sie kann sich zum Beispiel gut vorstellen, künftig in Kindergärten und an Grundschulen bei religiösen Konflikten zu vermitteln.
Je weniger man übereinander weiß, desto mehr Vorurteile pflegt man oft – diesem Phänomen wollte sich Nevio Stolp in seiner Projektarbeit widmen: „Zwischen Terrorismus und Sekte – Vorurteile über Christentum und Islam“. Die Idee war, traditionelle Religionen mit modernen Dialogmitteln zu kombinieren. Der evangelische Christ sammelte gängige Vorurteile und konfrontierte damit Gemeindemitglieder. Beispiel: Ein Christ muss innerhalb seiner gesellschaftlichen Klasse heiraten, alles andere ist nicht verzeihbar. Oder: Im Koran steht, dass Christen verfolgt werden müssen.
Sein Fazit: Menschen sind durchaus offen und bereit, etwas über die andere Religion zu lernen. Und: Dialog beginnt auf ganz niedriger Ebene. „Er fängt nicht dort an, wo wir über Religion reden, sondern wo wir merken: Mensch ist Mensch, wir mögen oft die gleichen Dinge.“ Mit seinen Videos habe er Mut machen wollen, aufeinander zuzugehen. Der Workshop zum Dialogbegleiter habe ihn deutlich vorangebracht. Stolp engagiert sich unter anderem in einem interreligiösen Jugendforum in Aachen. Sein Plan ist nun, ähnlich wie in seiner Projektarbeit, mit Vorurteilen zu arbeiten und einen Social-Media-Kanal aufzubauen.
Für ihre Projektarbeit sprach Rukiye Berisha mit einem interreligiösen Paar – das sie in der eigenen Familie fand. Ihre Nichte, muslimisch erzogen, lebt mit einem jungen Katholiken zusammen. „Ich habe gelernt, wie viel Offenheit, Respekt und Kommunikation in interreligiösen Beziehungen möglich ist. Die beiden zeigen eindrucksvoll, dass unterschiedliche Glaubensrichtungen nicht unbedingt trennen müssen, sondern auch zu gegenseitigem Verständnis führen können.“ Es wäre schön, sagt sie, das auf alle Menschen übertragen zu können – Nachbarn, Freunde, Kollegen. Es dürfe nicht nur darum gehen, woran man glaube, sondern „ob ich den Menschen mag und seinen Charakter“.
Für Nevio Stolp steht im nächsten Jahr ein Auslandssemester an. Er überlegt, in den Oman zu gehen – auch, um zu erfahren, wie es ist, Christ in der Minderheit zu sein. Als Umweltingenieur will er später international helfen, Wassernetze aufzubauen und somit die immer weiter steigende Trinkwasserknappheit zu bremsen. Ob beruflich oder privat: Ohne Austausch geht es nicht voran, davon ist er überzeugt. „Wir brauchen mehr religiöse Bildung. Wissen über die eigene Religion und mindestens etwas über die anderen Religionen.“
Zur Sache
Der Zertifikatskurs „Dialogbegleiter Christentum – Islam“ fördert den Austausch zwischen Christen und Muslimen und vertieft die lokalen Kontakte zwischen Kirchen- und Moscheegemeinden. Seit 2016 wird er alle zwei Jahre angeboten, verantwortet von der Katholischen Erwachsenenbildung und der Abteilung Seelsorge im Bistum Osnabrück. Seit 2023 ist auch das Islamkolleg Deutschland Träger des Kurses. Der nächste Dialogbegleiterkurs ist für das erste Halbjahr 2027 geplant.