Bischof Franz Jung engagiert sich in Bahnhofsmission

Warum in Würzburg ein Bischof hinter der Theke arbeitet

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Bischof von Würzburg mit Frau in Bahnhofsmission. Sie hält eine Tasse, er trägt blaue Weste.
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Foto: Alois Bierl

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Beliebt: Die Gäste freuen sich über den regelmäßigen Besuch.

Einmal im Monat steht Franz Jung in der Würzburger Bahnhofsmission hinter dem Tresen – belegt Brötchen, schenkt Tee aus, hört zu. Wie der Würzburger Bischof zu diesem Ehrenamt kam und warum es für ihn eine „heilige Zeit" ist.

Zum Abschied muss sich „Franz“ kräftig drücken lassen und Glückwünsche entgegennehmen. „Gratuliere zur Laufzeit, da sind wir schon stolz auf dich“, sagt der Mann an der Tür und legt ihm noch einmal beide Arme auf die Schulter, bevor er hinausgeht. Franz heißt mit Nachnamen Jung und ist Bischof von Würzburg. Vor ein paar Tagen war er beim Residenzlauf in der Stadt für das Caritas-Team dabei und hat dabei eine ordentliche Zeit erreicht. Und stolz darauf ist ein Besucher der Bahnhofsmission, den „Franz“ gerade mit einem Wurstbrot und einer Tasse Tee versorgt hat.

Bischof ist einer von 45 Ehrenamtlichen

Eine Frau mit Kopftuch nimmt eine Brottüte von Bischof Franz Jung entgegen.
Seit 2018 reicht Bischof Franz Jung Brottüten über den Tresen der Bahnhofsmission. (Foto: Alois Bierl)

Dort bedient der Bischof regelmäßig eine Nachmittagsschicht. Seit sieben Jahren wischt er Tische ab, holt an Imbissständen Lebensmittelspenden ab, belegt Brötchen, hört sich an, wenn sich ein Besucher über den zu heißen Tee beschwert oder setzt sich an einen Tisch, wenn jemand die eigene Lebensgeschichte erzählen oder einfach plaudern will.

„Für die Menschen, die zu uns kommen, ist das eine große Anerkennung, wenn sich ein Würdenträger nicht zu schade ist, etwas für sie zu tun“, sagt Johanna Anken. Sie leitet die Einrichtung am Würzburger Hauptbahnhof, in die Menschen kommen, „die ganz oft Ausgrenzung erfahren und auf die herabgeblickt wird“. 

„Für die Menschen, die zu uns kommen, ist das eine große Anerkennung, wenn sich ein Würdenträger nicht zu schade ist, etwas für sie zu tun.“ 

Rund 75.000 Besuche oder „Hilfskontakte“ zählt die Würzburger Bahnhofsmission jedes Jahr. Dass sie rund um die Uhr offen sein kann, dafür sorgt Johanna Anken mit rund acht Stellen für hauptamtliche Mitarbeiter. Hinzu kommen 45 Ehrenamtliche, ohne die der Betrieb nicht denkbar wäre. Zu denen zählt auch Bischof Franz Jung. Über seinem Hemd mit dem Priesterkragen trägt er die blaue Weste mit dem Logo der Bahnhofsmission. Gerade reicht er einer Frau zwei Brotzeittüten über den Ausgabetresen.

Arbeit eignet sich, um aus der eigenen Blase herauskommen

Den Auslöser, dass er hier steht, kann er noch genau und mit Datum nennen, es war der 10. Juni 2018, der Tag seiner Bischofsweihe: „Da wird ja der Kandidat u.a. gefragt, ob er bereit ist den Armen, Notleidenden und Heimatlosen zu dienen.“ Der neue Oberhirte wollte dieses Versprechen „auch in Taten umsetzen“.  Als er beim 120-jährigen Jubiläum der Würzburger Bahnhofsmission eingeladen war, „hat es Klick gemacht“. Auch wenn es für ihn nicht einfach ist, sich persönlich in einer sozialen Einrichtung einzubringen – der Verpflichtungen sind viele und der Terminkalender voll.

„Es ist eine heilige Zeit, die nicht ausfallen darf."

„Doch vom Bischofshaus zur Bahnhofsmission sind es zu Fuß nur zehn Minuten, ich brauche für die Arbeit keine Spezialausbildung und regelmäßig vier Stunden Dienst müssen einfach zu machen sein.“ Seitdem weiß das Sekretariat des Bischofs, dass es einen Nachmittag im Monat für die Bahnhofsmission freihalten muss: „Gewissermaßen eine heilige Zeit, die nicht ausfallen darf“, sagt Jung. Eine Zeit, in der er „aus der eigenen Blase herauskommt“. Er freue sich jedes Mal auf die Kolleginnen und Kollegen, „viele ohne kirchlichen Bezug“, die sich engagieren. Gerade sei eine junge Frau dazugestoßen, „die etwas von dem vielen Guten, das sie erfahren hat, zurückgeben will, das beeindruckt mich“. 

Werte im Bistum: Bischof geht mit gutem Beispiel voran

Ihm selbst hat sein Ehrenamt schlagartig die Augen geöffnet: „Nach meinem ersten Dienst in der Bahnhofsmission, habe ich die Besucher plötzlich auch in der Stadt gesehen.“ An den Armen gingen die Blicke eben oft vorbei und die meisten wollten aus Scham so unauffällig wie möglich sein. Seitdem dauern die Gänge des Bischofs durch die Stadt manchmal etwas länger, weil er die Bekannten aus der Bahnhofsmission grüßt – „und sie mich, das ist schön“. Schwergefallen ist dem Bischof, dass er oft weniger helfen kann als er möchte. Hin und wieder vermittelt er jemanden an einen gemeinnützigen Caritas-Betrieb.

„Des ist sehr gut, wenn der oberste Pfarrer weiß, dass es immer mehr Arme gibt und sich um sie kümmert.“

Nach jahrelanger Obdach- oder Wohnungslosigkeit, getrennt von der Familie, psychischen wie körperlichen Krankheiten verlangt das von den Menschen aber oft mehr ab, als sie schaffen können: „Wenn man durch alle Netze gefallen ist, das bricht den Lebensmut von Menschen.“ Der Bischof hat heute „hohen Respekt“ davor, wenn es „jemanden in einer solchen Lage gelingt, überhaupt einen strukturierten Tagesablauf zu haben und regelmäßig in die Bahnhofsmission zu kommen“.

Wenn er einmal im Monat hier Dienst tut, dann gibt  er auch ein Beispiel für die von ihm selbst ausgegebene Leitlinie für das Bistum: Seelsorge und Caritas sind nicht voneinander zu trennen. „Caritative Pastoral und pastorale Caritas“, so fasst das der Bischof zusammen. Arnie, der am Tresen mit ihm plaudert und auch seinen Tee bekommen hat, sagt es so: „Des ist sehr gut, wenn der oberste Pfarrer weiß, dass es immer mehr Arme gibt und sich um sie kümmert.“ Jedenfalls sei der Bischof „voll in Ordnung“, erzählt ein anderer Gast. Und eine Frau ergänzt, dass er „zu uns gehört“. So sehr, dass ihn Besucher der Bahnhofsmission auch einmal begeistert umarmen, wenn er beim Residenzlauf eine ordentliche Zeit erzielt hat. 

 

 

Alois Bierl