Denkmalschutz
Von der Freude, Schätze zu zeigen
Foto: Marco Heinen
Ursula Holzinger zeigt gern die Malereien in ihrer Wohnung, so etwa ein Bild Johannes des Täufers.
Beginen wurden ab Anfang des 13. Jahrhunderts fromme, meist unverheiratete Frauen und Witwen genannt, die ohne Gelübde in klosterartigen Gemeinschaften lebten. Fünf solcher Konvente sind allein in Lübeck bekannt. Der Beginenstift am Aegidienhof wurde erstmals im Jahr 1294 erwähnt. Nach der Reformation diente er befürftigen Frauen als Wohnung, Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das Haus, gegenüber der Aegidienkirche Bestandteil einer Armenanstalt. Trotz späterer Umbauten blieben Teile des Hauptgebäudes erhalten, darunter ein Raum mit Wandmalereien.
Entdeckt wurden sie rein zufällig und zwar erst im Jahr 2003. Ursula Holzinger war ein Jahr zuvor eingezogen. Architekten hatten den Gebäudekomplex, in dem zuletzt das Sozialamt Beratungsräume hatte, gerade erst umbauen lassen. Ein bisschen war noch zu tun, etwa an einer Platte zwischen zwei Fenstern der Wohnküche. „Der Handwerker war ein bisschen ungeschickt. Die Platte ging kaputt, fiel runter und dabei auch ein bisschen Putz. Und dann war da offenkundig die Malerei zu sehen“, erinnert sich die promovierte Volkswirtin Holzinger.
Wo ein Heiliger ist, sind andere oft nicht fern, und so erblickten eine Anna selbdritt, eine heilige Margareta von Antochia, ein heiliger Christophorus, ein heiliger Theobald und ein nicht identifizierter Bischof das Licht der Gegenwart. „Ich nenne ihn gerade bei den Tagen des offenen Denkmals den heiligen Spekulatius. Und er nimmt es nicht übel“, erzählt die 92-jährige gebürtige Berlinerin. Während der Johannes durch eine Plexiglasscheibe geschützt wird, lassen sich drei andere Figuren durch Holzklappen verdecken. In einer Ecke des Raumes, in der eine Tür zum Hof führt, ist eine auf das Mauerwerk aus Backstein aufgetragene Quadermalerei zu erkennen. Sie suggeriert größere Steine als die tatsächlich verwendeten. Außerdem wurde im ersten Obergeschoss noch eine rudimentäre Zeichnung gefunden. Der Zustand der Malereien wurde durch das Auftragen von Putz in früherer Zeit teils beeinträchtigt, wobei es Anzeichen gibt, dass teilweise schon in der Vergangenheit Gesichtszüge nachgearbeitet worden waren. Die Restauratorin, die die Bilder freilegte, rekonstruierte sogar ein Gesicht, dessen Züge spiegelverkehrt auf entferntem Putz erhalten geblieben waren.
Mit dem Wissen wuchs das Verantwortungsgefühl für die Malereien
Viele der Objekte, die am Tag des offenen Denkmals zu besichtigten sind, stehen Interessierten regelmäßig offen, weil es sich um Kirchen, Industrie- und Baudenkmale handelt, die sich in kirchlicher oder öffentlicher Hand befinden. Doch bei Objekten, die Privatleuten gehören, ist deren Bereitschaft gefordert, die historischen Schätze zu bewahren und herzuzeigen.
So wie bei Ursula Holzinger. Zunächst habe sie keinerlei Kenntnisse in Sachen Denkmalschutz gehabt. Doch inzwischen ist sie fast zur Expertin für die Malereien geworden und sie spüre dafür, so sagt sie, „ein starkes Verantwortungsgefühl“. Anfangs habe sie sich gefragt, was sie „mit einem roten Strich aus dem Mittelalter“ anfangen solle. „Ich bin inzwischen mit diesen Wandbildern so vertraut, dass es mir wirklich in der Seele wehtut, wenn da etwas kaputtgeht.“ Als sie Veränderungen an den Malereien bemerkte, informierte sie gleich die Restauratorin. Nun sind Sicherungsarbeiten geplant, die einen mittleren fünfstelligen Betrag kosten werden. Das ist viel Geld für Privatleute, die dann oftmals auf Zuschüsse etwa der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und in Lübeck besonders der Possehl-Stiftung setzen können. Am Sonntag, 14. September steht die Wohnung in der St. Annenstraße 3 von 15.45 Uhr bis 16.45 Uhr offen. Ursula Holzinger bereitet es Freude, Besucher zu beeindrucken: „Ich zeige es einfach gerne, weil ich es erstaunlich finde, was da mit drinsteckt.“
Der Tag des offenen Denkmals wurde erstmals 1984 in Frankreich ausgerufen und fand bald Nachahmer in ganz Europa. In Deutschland wird seit 1993 dazu eingeladen. Das Motto am Sonntag, 14. September: „Wert-voll: unbezahlbar oder unersetzlich?“ Da die meisten Besucher nicht nur ein Denkmal anschauen, zählen die Organisatoren Besuche und nicht Menschen – um die vier Millionen sollen es regelmäßig sein. In Lübeck, wo laut der Deutschen Stiftung Denkmalschutz 40 Prozent aller Denkmale in Schleswig-Holstein zu finden sind, beteiligen sich diesmal 45 Objekte. Eine Liste der deutschlandweit teilnehmenden Denkmale findet sich unter www.tag-des-offenen-denkmals.de