Ein Comic zu Weihnachten
Wenn Lebkuchen lebendig wird
Foto: Christophoruswerk Lingen
In seinem Comic erzählt Christopher Block eine Geschichte von zwei Lebkuchenmännchen, die mit ihm und seiner Kollegin Maria zu Weihnachten einen Film anschauen wollen.
Der kleine weiße Fleck da unten auf dem Bild – der stört Christopher Block noch so richtig. Ganz konzentriert schiebt der junge Mann die Computermaus auf seinem Schreibtisch hin und her, bis er die Stelle retuschiert hat. Und er lässt sich durch nichts dabei stören, auch nicht durch das Gespräch mit der Kirchenzeitung. Sozialarbeiterin Lena Mix staunt ein wenig, denn sie hatte die Stelle zunächst nicht mal wahrgenommen und sagt: „Christopher ist sehr detailverliebt, alles muss ganz genau stimmen.“
Ein Lachen im braun gebackenen Gesicht
Wie bei diesem Comic, den der 23-Jährige in den vergangenen Tagen im Lingener Christophorus-Werk, einer Einrichtung für Menschen mit Behinderungen im südlichen Emsland, für die Weihnachtszeit produziert hat. In sechs Bildern erzählt er dabei eine amüsante Geschichte von zwei Lebkuchenmännchen, die frisch aus dem Backofen kommen und plötzlich anfangen zu wachsen. „Sie sind dann sogar ein bisschen größer als ich“, sagt Christopher Block. Er gibt ihnen große Augen, ein Lachen im braun gebackenen Gesicht und lässt sie die Arme zum freudigen Gruß heben. Auch er selbst ist in dem Comic zu sehen: immer als minimalistisches Strichmännchen, mit blauen Augen und anders als in der Realität stets ohne Haare. „Damit man mich immer wiedererkennt“, sagt er lakonisch.

Comics gestalten – das ist sein Ding, damit fühlt er sich wohl. Christopher Block lebt bei seinen Eltern in Lingen, er hat eine „Autismus-Spektrum-Störung“ (ASS). Spektrum bedeutet in diesem Zusammenhang, dass sich die Symptome bei den Betroffenen unterscheiden können. Einige Menschen sprechen gar nicht, andere wie zum Beispiel Christopher Block können kommunizieren. Trotzdem fällt ihm manches schwer. Er kann nicht immer zeigen und erklären, wie es ihm geht. Laute Geräusche mag er nicht, bleibt lieber für sich allein in Ruhe. Ein annähernd gleicher Tagesablauf, klare Regeln, feste Rituale, die vor allem für ihn selbst Sinn ergeben, sind wichtig. „Wenn das für ihn nicht logisch ist oder er sich unter Druck gesetzt fühlt, wird es schwierig“, sagt Lena Mix, die ihn im Sozialdienst des Christophorus-Werkes begleitet.
"Er kennt sich total gut aus mit dem PC"
Auf der anderen Seite hat er wie viele Autisten ausgesprochene Inselbegabungen. „Er ist echt fit in Autos“, sagt Mix. „Da kann er einem fast jede Automarke samt Land und Jahreszahl sagen.“ Und großes Interesse hat er nach ihren Worten an „Lost Places“, sogenannte vergessene, aber hochinteressante Orte. Die sucht er sich im Internet und recherchiert dann am Computer die Geschichte dahinter. „Er kennt sich ohnehin total gut aus mit dem PC und hat sogar unser IT-Team schon überrascht“, sagt Mix.
Dass er heute so fix mit dem Rechner umgehen kann, hängt auch mit der Tagesbildungsstätte Mosaikschule in Lingen zusammen. Dort hat er schon früh eine gezielte Autismus-Förderung bekommen. Dabei hat er gelernt, wie er seine Gefühle und Bedürfnisse auch anders als mit Worten ausdrücken kann. Zum Beispiel mit Zeichnungen am Computer. Über diesen Weg ist er nach und nach zu den Comics gekommen, die er jetzt selbstständig am PC erarbeitet. Immer sechs Bilder ergeben dabei eine Geschichte. Manchmal hat er selbst eine Idee, manchmal schlägt ihm Lena Mix ein Thema vor.
Comic auch für die Kolleginnen und Kollegen aus der Werkstatt
Denn der junge Mann erschafft die Comics nicht nur für sich, sondern auch für seine Kolleginnen und Kollegen aus der Werkstatt. Dort arbeitet er jetzt in einer kleinen Produktionsgruppe, die Montage und Verpackungsaufträge übernimmt. Und er bekommt dort auch Zeitfenster für seine Comics. Denn darin geht es oft um die Menschen im Christophorus-Werk und um ihren Arbeitsalltag. Er erzählt, was sich dort gerade ereignet hat oder was es Neues gibt. Auch zum Namenspatron der Einrichtung, der ja auch sein eigener ist, hat er schon mal einen Comic gezeichnet. „Er hat sich die ganze Sage herausgesucht, das war richtig klasse“, sagt Lena Mix. Durch viele seiner Geschichten zieht sich zudem ein feiner Humor, der die Leserinnen und Leser schmunzeln lässt. Ansehen können sich das die Beschäftigten auf Bildschirmen über ein barrierefreies Informationssystem. Und seit kurzem auch in der Mitarbeiterzeitschrift des Christophorus-Werkes. Dass er auf diese Weise als Autor wahrgenommen wird und Wertschätzung erfährt, freut ihn sehr.
Diese Anerkennung hat Christopher Block verdient, denn wer ihn am Rechner erlebt, staunt über seine detailverliebte Sorgfalt. Da muss jeder Strich, jeder Punkt, jedes Symbol passen. Da ringt er um jeden Millimeter, bis ihm das Bild gefällt.
Wie die Geschichte mit den Lebkuchenmännchen weitergeht? „Die wollen zu Weihnachten nicht allein bleiben“, sagt er, sondern mit ihm zusammen sein. Cola und Fanta trinken, auf der Couch sitzen und den Film „Mission Mäusejagd“ gucken. Und so einfach wie die Botschaft ist, so gut passt sie zu den Festtagen. Gemeinschaft in aller Vielfalt, Akzeptanz aller Unterschiede, friedliches Beisammensein mit schönen Momenten.