Mechthild von Magdeburgs Werk „Das fließende Licht der Gottheit“
Ein Buch – viele Frauen
Fotos: Johanna Marin
„Das fließende Licht der Gottheit“ – die Buchbinderin Angelika Pohler hat einen Nachdruck der Visionen und Gebete Mechthilds von Magdeburg als Buch aufgearbeitet. Die älteste Abschrift, aus dem 14. Jahrhundert, liegt im Kloster Einsiedeln in der Schweiz.
Als die Mystikerin Mechthild von Magdeburg um 1250 ihr Werk „Das fließende Licht der Gottheit“ schrieb, ahnte sie wohl nicht, dass Generationen später eine kleine Gruppe an Frauen große Anstrengungen unternehmen würde, um ihren Codex zurück ins Bistum Magdeburg zu bringen.
Mechthilds Original-Manuskript ist verschollen. Die Mystikerin hatte ihre Visionen niedergeschrieben, Gebete, Meditationen und Lehrreden. Eine Abschrift aus den 1340er Jahren liegt aber in der Bibliothek des Benediktinerklosters Einsiedeln in der Schweiz. Eigentlich war sie ein Geschenk einer Begine an die früheren „Waldschwestern in der vorderen und hinteren Au“, unweit von Einsiedeln. „Sie sind die Erbinnen des Buches“, sagt Maria Faber von der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) – eine der treibenden Kräfte dahinter, das Buch, das sie vergangenes Jahr mit einer Gruppe Pilgerinnen des Bistums Magdeburg besuchte, wieder nach Magdeburg zu bringen. Nicht im Original – das bleibt in Einsiedeln, wohltemperiert und behütet. Stattdessen wurden vier Nachdrucke angefertigt. Die Priorin des Klosters Au, Schwester Felizitas Elmiger, hatte sich das für ihr Kloster gewünscht.
„Mechthilds Texte wurden immer wieder abgeschrieben und verbreitet“, sagt Faber. Die Abschrift in Einsiedeln ist das älteste bekannte Exemplar. „Die Benediktinerinnen aus Au schenkten das Papier für den Nachdruck von vier Exemplaren“, sagt Maria Faber. Zweitausend Euro kostete der insgesamt. „Aber eine Buchbinderin, die kann man für so etwas gar nicht bezahlen“, erklärt Faber. Wie praktisch deshalb, dass unter den Pilgerinnen letztes Jahr auch Angelika Pohler war…
„Ich bin gelernte Buchbinderin und habe diese alte Technik gern gepflegt“, sagt die Rentnerin. In den Nachdruck des Mechthild-Buches hat sie monatelang Handarbeit und Herz gesteckt. Die Seiten, gedruckt von der Thomas-Druckerei in Leipzig, schnitt sie bogenweise per Hand zurecht. „Nachdem ich sie gebunden hatte, haben mein Mann Konrad und ich die Kanten glattgeschliffen.“ „Das hat uns ganz schön lange beschäftigt“, sagt Konrad Pohler, „denn beim Schneiden durfte nichts schiefgehen“. Insgesamt vier Exemplare hat Angelika Pohler geschnitten, gefalzt, auf echte Bünde geheftet und in Leder gebunden. Den Einband schmückt ein Streifen aus Pergament – ein Strahl des fließenden Lichts – beschriftet mit dem Titel des Codex.
Anders als bei einem Faksimile, einer originalgetreuen Nachbildung, wurde der Nachdruck um einige Seiten erweitert: Die Widmung an die ehemaligen Waldschwestern in Au steht nun leicht lesbar in moderner Schrift am Anfang. Auch hat das Werk ein Titelblatt bekommen, das es in der Abschrift nicht gab. Hinten ist eine neue Widmung abgedruckt: Eines der Exemplare übergab die kfd beim diesjährigen Frauenfest des Bistums den Zisterzienserinnen im Kloster Helfta, in dem Mechthild von Magdeburg zuletzt lebte, als Dauerleihgabe. Auch Bischof Gerhard Feige erhielt ein Exemplar, das er dem Kulturhistorischen Museum Magdeburg schenken wird. „So ist es in der DNA der Stadtgeschichte wieder vorhanden“, freut sich Maria Faber darüber, dass Mechthild von Magdeburgs Botschaft nun wieder in Magdeburg angekommen ist.