Iryna Noga von der Caritas Ukraine und der Krieg

"Niemand weiß, was morgen ist"

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Iryna Noga
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Foto: Caritas Ukraine

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Organisiert bei der Caritas die Winterhilfe für die Menschen in der Ukraine: Iryna Noga

Iryna Noga arbeitet bei der Caritas Ukraine in Kiew. Wie geht es ihr nach dreieinhalb Jahren Krieg? Was bedrückt sie, was gibt ihr Hoffnung? Was denkt sie über die Gespräche der Politiker über einen Frieden?

Iryna Noga sagt, sie sei müde und erschöpft. Von all den nächtlichen Angriffen der russischen Armee. Vom ständigen Raketenalarm. Von der Anspannung, die niemals weicht. „Wir müssen permanent unser Handy checken“, sagt Noga. „Jeden Moment kann etwas passieren.“ Wenn sie duscht, wenn sie arbeitet, wenn sie isst. Sie lebt in Kiew und hat sich daran gewöhnt, in eine U-Bahn-Station oder einen Bunker flüchten zu müssen. Kaum eine Nacht hat sie ruhig geschlafen, seit Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschiert ist.

Noga (38) arbeitet bei der Caritas Ukraine. Ihre Leute helfen Bedürftigen, warm durch die Winter zu kommen; sie isolieren zerbombte Dächer, bauen energieeffiziente Fenster und Türen ein, tauschen Heizkessel aus, verteilen Brennholz und Briketts, stellen Öfen auf. In ihrem Job erlebt Noga, welches Leid die Russen mit ihrem Angriffskrieg anrichten. Privat auch: Ihr Mann ist Veteran. Ihre Eltern leben in der von Russland besetzten Region Donezk. Jüngere Verwandte sind ins Ausland geflohen. Freunde und frühere Kollegen kämpfen oder sind von den Angreifern ermordet worden.

Caritas Ukraine
Die Teams der Caritas Ukraine unterstützen Menschen, die vom Krieg am ärgsten getroffen sind. Foto: Caritas Ukraine

Wie denkt sie über den Krieg? Was hält sie von den diplomatischen Bemühungen um einen Frieden, von dem Treffen zwischen Donald Trump und Wladimir Putin – und von jenem zwischen Trump, Wolodymyr Selenskyj und den Europäern? Was hilft ihr, auch nach dreieinhalb Jahren Krieg noch Hoffnung zu schöpfen?

Im Video-Interview wirkt Noga gefasst. Sie spricht ruhig und kontrolliert, manchmal lächelt sie sogar. Aber wenn man ihr in die Augen schaut, ahnt man, wie schwer das ist: in all dem Wahnsinn nicht zusammenzubrechen.

„Es sind unsere Gebiete“

Die Verhandlungen der vergangenen Wochen verfolgt sie mit Skepsis. Sie findet, es sei zu früh, Schlüsse daraus zu ziehen, es gebe ja keine greifbaren Ergebnisse. Wie es weitergehen wird? Klar ist für Noga nur: „Russland hat kein Interesse daran, ein Friedensabkommen zu schließen. Es fliegt massive Angriffe auf zahlreiche ukrainische Städte. Viele Zivilisten und Kinder sterben.“ Sie glaubt: „Russland versucht lediglich, die Bevölkerung einzuschüchtern und zu zermürben.“ In der ganzen Ukraine greifen die Truppen des Diktators Putin mit Drohnen, Raketen und Marschflugkörpern an, zuletzt noch heftiger als zuvor. Sie zerstören Wohnhäuser, Kliniken, Schulen.

Ob ein Treffen von Putin, Selenskyj und Trump den Krieg beenden könnte? „Schwer zu sagen“, antwortet Noga. „Ich bin keine Politikerin.“ Natürlich solle der Krieg aufhören. Aber wann und wie? Fest steht für sie, dass die Ukraine keinesfalls Gebiete an Russland abtreten darf, weder Donezk und Luhansk noch Saporischschja, Cherson oder die Krim. „Viele Menschen sind im Kampf für diese Gebiete gestorben“, sagt sie. Ihr Tod dürfe nicht vergeblich sein: „Es wäre undenkbar, sie an Russland zu geben. Es sind unsere Gebiete!“ 

Trump & Putin
US-Präsident Donald Trump rollt Russlands Diktator Wladimir Putin den roten Teppich aus. Foto: imago/ZUMA Press Wire

Man solle nicht nur an das Land denken, sagt Noga, auch an die Menschen, die dort leben: „Sie wollen nicht zu Russland gehören.“ Gerade ältere Leute säßen dort fest, sie könnten nicht einfach wegziehen. Sie erlebt das bei ihren Eltern, die in der Region Donezk ausharren. Noga sagt: „Sie wollen nicht bleiben. Aber sie haben da Verwandte und unterstützen sich gegenseitig.“ Ein Umzug nach Kiew sei zu teuer für sie und eine Wohnung dort sowieso. Außerdem sei speziell die Hauptstadt wegen der vielen Angriffe nicht sicher. 

Über Videoanrufe per Telegram bleibt Noga mit ihren Eltern in Kontakt. Sie sagt: „Die Situation dort ist nicht gut. Man braucht einen russischen Pass, sonst überlebt man nicht.“ Wer sich weigert, dem droht der Entzug von Sozialleistungen, der Verlust des Jobs oder sogar Haft. Was sie wirklich denken, berichtet Noga, erzählten ihre Eltern nur engen Freunden, denen sie vertrauen: „Sie haben Angst. Es kann gefährlich sein, mit Fremden zu sprechen.“ Die Besatzer unterdrücken, foltern, zerstören die ukrainische Identität.

Ihre Arbeit bei der Caritas hilft Noga, sich in diesen Schrecken nicht machtlos zu fühlen: „Sie verbessert das Leben von Menschen. Das gibt mir Hoffnung und Kraft.“ Manchmal arbeiten sie und ihr Team die Wochenenden durch – weil sie spüren, sie werden gebraucht. Noga sagt, sie tue, was sie kann, und sie versuche zu akzeptieren, was ist. In die Nachrichten schaut sie nur morgens, nie abends: „Sonst würde ich Albträume bekommen.“

„Wir glauben an eine bessere Zukunft“

Hin und wieder gönnt sie sich ein paar Tage, um aufzutanken. Trifft Freunde, besucht schöne Orte – oder schläft einfach. Sie weiß, vielen Menschen in der Ukraine, vor allem in der Nähe der Front, geht es viel schlechter als ihr. Noga sagt, sie versuche ein Sprichwort zu beherzigen, das in der Ukraine sehr beliebt sei: „Lebe dein Leben heute – denn niemand weiß, was morgen ist.“ 

Und übermorgen? „Ich träume von Frieden“, sagt Noga. Sie träumt davon, dass die Ukrainer ihr Land wieder aufbauen. Dass die Grenzen wieder so sind wie vor dem Krieg. Dass die Frauen und Kinder zurückkehren, die geflohen sind – und dass Familien wieder vereint werden. „Wir glauben an eine bessere Zukunft, für uns, unsere Kinder und alle kommenden Generationen“, sagt Iryna Noga. „Für diese Zukunft kämpfen wir.“

Andreas Lesch