Von der spirituellen Kraft des Schweigens

Gottessuche in der Stille

Meditation

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Eine Frau meditiert in der Krypta der Heilig-Kreuz-Kirche, dem Zentrum für christliche Meditation und Spiritualität in Frankfurt

Im Alltag fehlt vielen oft die Zeit und die Ruhe für das Gebet. Andreas Kaiser hat mit vier Menschen gesprochen, die sich diese Zeit nehmen und Gott in der Stille suchen. Beim Herzensgebet, bei der eucharistischen Anbetung, bei Exerzitien sowie in der Kontemplation. Und er selbst berichtet von seiner Erfahrung mit der Zen-Meditation.


Ignatianische Exerzitien, Ingrid Schönsee

„Man geht achtsamer in den Tag“

Katholisch war Ingrid Schönsee schon immer. Doch es gab Zeiten, da hat die heute 70-jährige Ruheständlerin mit ihrem Kindheitsglauben durchaus gefremdelt. „Ich war spirituell auf der Suche“, sagt sie. Über die Schrift „Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics wurde sie auf die geistlichen Übungen der Jesuiten aufmerksam. Sie besuchte ein siebentägiges Schweigeseminar. Ihr Interesse war geweckt. Doch Schönsee wollte „auch etwas für den Alltag haben“ und stieß 2003 auf das Angebot des Berliner Jesuiten Hubertus Tommek, der zweimal im Jahr Exerzitien im Alltag anbot. Der Jesuit ist zwar inzwischen verstorben, doch sein Kurs lebt weiter.

Ingrid Schönsee
Ingrid Schönsee. Foto: Andreas Kaiser

Die Teilnehmenden treffen sich alle zwei Wochen zum Austausch und verpflichten sich zu einer täglichen stillen Zeit von rund 20 bis 30 Minuten. In dieser Zeit gehen sie mit ausgesuchten Bibeltexten in die Stille. Immer wieder lesen sie die Perikopen. Manchmal bleibt nur ein Wort oder ein Satz hängen, das oder den man dann in der Meditation weiter betrachtet. 

Das hat gleich mehrere Vorteile. „Man lernt die Bibel besser kennen, wenn man sie meditiert und nicht wie ein Buch liest. Die einzelnen Texte rauschen nicht so vorbei“, sagt Schönsee. Zudem helfen die Gruppentreffen den einzelnen Kursteilnehmern, meditativ am Ball zu bleiben. „Der Erfahrungsaustausch hat mich motiviert und diszipliniert“, sagt Schönsee. Anfänglich habe sie ihre Meditation noch öfter verschoben. Doch nach einiger Zeit setzte sie sich regelmäßig morgens hin. 

Für Schönsee sind die Exerzitien „ein Wachstumsprozess, etwas Dynamisches“. In der Stille, sagt sie, werde der Mensch unweigerlich auch mit seinen eigenen Gefühlen konfrontiert: „Ich habe mich näher kennengelernt und dadurch auch meine Beziehung zu Gott besser verstanden. Ich fühle mich heute aufgehoben, bin inzwischen gut verwurzelt.“ Die durch die Exerzitien eingeübte Regelmäßigkeit habe ihr Leben befruchtet und geordnet: „Wenn man jeden Morgen meditiert, guckt man, dass man abends rechtzeitig ins Bett geht und zum Beispiel nicht länger als nötig am Fernseher hängen bleibt.“ Auch sonst tut ihr die tägliche Zeit der Sammlung gut, sagt Schönsee: „Man geht achtsamer in den Tag. Ich bin dadurch insgesamt wacher.“ 


Eucharistische Anbetung, Angelika Wnuk

„Das gibt mir Ruhe und Frieden“

2002 hat Angelika Wnuk eine Art Aha-Erlebnis gehabt. Eine Freundin hatte sie auf die eucharistische Anbetung in der Berliner Johannes-Basilika aufmerksam gemacht. Ohne Erwartungen ging sie hin. Und war beeindruckt. „Das hat mich stark berührt“, erzählt die heute 60-jährige Fremdsprachensekretärin. 

Angelikas Wnuk
Angelika Wnuk. Foto: Peter Himsel

Tatsächlich ist die Anbetung in der JoBa, wie die Berliner ihre Großkirche gerne nennen, „irgendwie anders, etwas Besonderes“, so Wnuk. Sie findet jeden Freitagabend direkt nach der Heiligen Messe statt und dauert etwas mehr als anderthalb Stunden. Es gibt Passagen mit geistlichen Gesängen, am Ende die Möglichkeit zum persönlichen Fürbittgebet, aber vor allem zwei längere Phasen der Stille. „Das kannte ich so vorher nicht“, sagt Wnuk. 

Rasch wurde die Anbetung fester Bestandteil in Wnuks Wochenplan. „Ich kann in der stillen Zeit gut zu Gott und zu mir selbst kommen“, sagt sie. Anders als im Gottesdienst mit seinen vorgegebenen Liedern und Texten werde „man nicht in eine bestimmte Richtung geführt. In der Anbetung schaue ich auf Gott, irgendwann stehen meine Gedanken wirklich still. Das gibt mir Ruhe und Frieden. Ich bin danach wie aufgetankt“, sagt Wnuk. Das sei anders und viel intensiver, als wenn man sich beispielsweise zu Hause aufs Sofa setze und dort zur Ruhe kommen möchte: „Da stehen die Gedanken eigentlich nie still.“ Wnuk, die sich auch als Gottesdienstbeauftragte engagiert, gehört inzwischen zum Organisationsteam der Anbetung. Sie sagt: „Für mich ist Jesus in der Anbetung wirklich gegenwärtig. Natürlich ist mir klar, dass es nicht jedem so geht.“ 

Vor allem im Winter, wenn es kalt ist, koste es sie zwar zuweilen Überwindung, abends noch rauszugehen, gesteht Wnuk. „Doch in der Anbetung erhole ich mich richtig. Wahrscheinlich sogar besser, als wenn ich früh ins Bett ginge.“ Klar gebe es auch Abende in der Kirche, an denen sie ihre Alltagssorgen nicht so leicht loswerde. „Aber eigentlich passiert immer etwas Positives“, sagt sie. 

Auf jeden Fall hätten die Anbetungen ihren Glauben gestärkt. „Mein Vertrauen ist größer geworden, ganz einfach, weil es mir nach den stillen Zeiten mit Gott besser geht als zuvor.“ Zudem habe sie den Eindruck, dass sie seither insgesamt gelassener geworden ist. Das sei ein wenig so wie nach einem Gespräch mit einem guten Freund. „Zwar ändert sich dadurch noch nichts an den Anliegen und Problemen. Aber mein Blick darauf wird ein anderer.“


Zen-Meditation, Andreas Kaiser

„Das reine Dasein“

Der Tag beginnt, lange bevor ich zu Hause gewöhnlich aufstehe, mit Geschepper. Wir würden morgens von einem Gong geweckt, hieß es am Abend zuvor. Doch es ist kein einzelner Gong. Es ist eher ein Gonggewitter. Schweigend tritt unsere elfköpfige Gruppe vor die Tür. Es folgen ein paar Dehn- und Körperübungen im Freien bei vier, fünf Grad und Nieselregen. Dann die ersten Meditationseinheiten, ein stilles Frühstück, anschließend wieder Meditationen. Nur gelegentlich unterbrochen von kurzen Erläuterungen von Pater Stefan Bauberger. Der Jesuit ist nicht nur Priester und Physiker, sondern auch Zen-Meister und betreibt im bayerischen Wald ein Meditationszentrum. 

Andreas Kaiser
Andreas Kaiser. Foto: Axel Balzereit

Seit der Ankunft zum dreitägigen Zen-Einführungskurs in diesem Zentrum herrscht Schweigen. Auch bei der Küchen- und Gartenarbeit sowie den drei Mahlzeiten am Tag. Nur das Kratzen und Klappern des Bestecks und des Geschirrs ist beim Essen zu hören. Zen-Praktizierende sollen sich ganz auf den gegenwärtigen Augenblick konzentrieren. „Wenn ich gehe, dann gehe ich. Wenn ich esse, dann esse ich“, hat mal ein Zen-Meister gesagt. Und genau dieses Pure, von allen Bildern und Erklärungsversuchen Befreite, das auch die Bibel uns Christen bei der Gottesbetrachtung nahelegt, hat mich am Zen schon immer fasziniert. Es gibt kein Gebets- oder Bibelwort, an dem man sich in der Stille festhalten könnte. Man konzentriert sich auf seine aufrechte Sitzhaltung und den Fluss des Atems. Wenn Gedanken oder körperliche Reize aufkommen, reagiert man nicht. Man nimmt einfach wahr. Das reine Dasein. 

Das Zeitgefühl verdunstet

Es war der Jesuit Hugo M. Enomiya-Lasalle, der diese Form der Spiritualität ab den 1960er Jahren in das Christentum einbrachte. Gerne würde ich Gott in allen Dingen finden, wie das der heilige Ignatius von Loyola einst formuliert hat. Deswegen und um im Wirrwarr des Alltags besser bei mir zu bleiben, sitze ich seit einigen Jahren auch öfter zu Hause in Stille. Doch nie meditiere ich so lange wie hier im Meditationszentrum. Schon gegen Mittag des zweiten Tages habe ich den Eindruck, es reicht. Doch wir sitzen weiter. Am Nachmittag kommt es mir vor, als würde mein Bewusstsein seinen gewohnten Platz verlassen. Es verrückt, denke ich – im Wortsinn. Auch mein Zeitgefühl scheint verdunstet.

Bei einem Vortrag hatte Bauberger etwas von alten Gefühlen, von Wut, Freude und Trauer erzählt, die in der Stille hochkommen könnten. Doch nichts dergleichen bei mir. Mir ist nach der vielleicht zehnten Meditationseinheit eher so, als entfremde ich mich von mir selbst. Ich weiß gerade weder, was ich möchte, noch, was mich ausmacht. 

Gewohnte Ankerpunkte sind verschwunden. Es ist, als sei ich allein auf hoher See. Die Geschichte von den bootfahrenden Jüngern Jesu kommt mir in den Sinn, den Kleingläubigen, die es bei Wellen und Sturm mit der Angst zu tun bekommen. Jesus hat gesagt, das Himmelreich sei in uns. Zum Beten sollten wir uns ins stille Kämmerlein zurückziehen. Genau das machen wir hier. Doch vom Himmel spüre ich gerade wenig. Es kommt mir eher vor wie der Blick ins Nichts, in einen leeren Spiegel, so wie einst der Autor Janwillem van de Wetering seine Zen-Erfahrungen beschrieben hat. 

Am Abend gibt es eine Heilige Messe. Endlich gewohntes Terrain unter den Füßen. Und ein paar gesprochene Worte. „Erhebet die Herzen“, sagt der Priester. „Wir haben sie beim Herrn“, antworten wir. Enger Raum, dichte Atmosphäre. Wie die Jünger mit ihrem Rabbi, denke ich. Nach der Eucharistie ist meine Stimmung geläutert, ich bin wieder eins mit dem Geschehen, nehme auch meine Mitmenschen wieder besser wahr. Alles Suchende. Wie ich.

Der Abenteuergeist wird wach

Am dritten und letzten Tag des Einführungskurses gibt es die Möglichkeit zum Dokusan, dem spirituellen Gespräch mit dem Zen-Meister. Ich berichte von meiner Entfremdungserfahrung. Pater Bauberger sagt: „Das ist ein gutes Zeichen.“ Mehr nicht. Ich überlege kurz, was ich damit anfangen soll. Lasse es dann aber und meditiere einfach weiter. Vor dem abschließenden Mittagessen lockert der Himmel auf. Beim sogenannten Kinhin, einer Gehmeditation, gehen alle raus auf eine Wiese. Irgendwann stehen wir gemeinsam im Licht, in der ersten Wärme des Jahres. Elf Übende mit dem Gesicht zur Sonne. 

Am Nachmittag steige ich ins Auto und denke kurz: „Das ist nicht meins. Das brauche ich nicht, dieses Gefühl der Selbstentfremdung.“ Nach einigen Kilometern wechseln die Gedanken. Eine Art Abenteuergeist wird wach. Gerne würde ich wissen, was nach dieser merkwürdigen Auflösung des Ichs kommt. In Berlin zurück, kehrt rasch Alltag ein. Doch die Zeit der Stille hallt nach. Das kenne ich von meinen kleinen Alltagsmeditationen. Nicht während des stillen Sitzens kommen die neuen Einsichten und die kreativen Impulse, sondern irgendwann zwischen den Meditationen. Beim Duschen gerät mir Paulus in den Sinn: Der alte Mensch muss sterben, damit das neue Ich in Christus geboren werden kann. Doch mein altes Ego ist nicht gestorben, das merke ich täglich. Deswegen werde ich wohl bald wieder nach Bayern reisen. Ins Meditationszentrum von Pater Bauberger.


Herzens- oder Jesusgebet, Dorothea Hofmann

„Das Vertrauen ist gewachsen“

Dorothea Hofmann hat sich zu Hause eine Gebetsecke eingerichtet. Dort sitzt sie morgens, unterbrochen von einer kurzen Pause, zweimal rund 30 Minuten in Stille. Zunächst wendet sie sich mit einem Gebet an Gott, schenkt ihm bewusst die nun nachfolgende Zeit, nimmt anschließend ihren Körper, den Atem sowie ihre Hände wahr und wiederholt dann innerlich den Namen Jesus Christus. „Aber eigentlich ist es mehr ein Lauschen“, sagt die 46-jährige Krankenhausseelsorgerin aus Berlin. 

Dorothea Hofmann
Dorothea Hofmann. Foto: Luke Sonnenglanz

Auf das Herzens- oder Jesusgebet wurde die Katholikin bereits als Studentin der Theologie und der Pädagogik in Würzburg aufmerksam. Später hat sie ein Jahr im Haus Gries des 2021 verstorbenen Jesuitenpaters Franz Jalics mitgelebt und mitgearbeitet und dort ihre Praxis des kontemplativen Betens vertieft. „Es gab da eine große Sehnsucht, Gott zu entdecken, aber auch mir selbst näher zu kommen“, sagt Hofmann über ihre Vorliebe für jenes Gebet, das bereits die Wüstenmütter und Wüstenväter in der Frühzeit des Christentums praktizierten. 

Das Jesusgebet soll den Menschen durch das beständige innere Wiederholen nur weniger ausgesuchter heiliger Worte in eine Art Herzensruhe überführen. „Das Schöne an dem Gebet ist, dass es nicht nur zu festgesetzten Zeiten funktioniert. Es ist auch alltagstauglich, zum Beispiel beim U-Bahnfahren“, sagt Hofmann. 

Gleichwohl weiß sie von den Schwierigkeiten spiritueller Wege. Nicht immer lassen sich Gebetszeiten einfach in den Alltag integrieren. Und in der Stille können auch innere Hindernisse auftauchen, etwa die Begegnung mit den eigenen Schatten, sagt Hofmann. Deswegen empfiehlt sie Übenden eine geistliche Begleitung. 

Über die positiven Effekte spricht die Theologin nicht gern. „Das sollten andere beurteilen“, sagt sie, verrät dann aber, dass es ihr inzwischen leichter falle, „andere Menschen und die Wirklichkeit so anzunehmen, wie sie sind und nicht, wie ich sie gerne hätte“. Ihr Glaubensleben sei weniger kopflastig, sagt Hofmann: „Auch mein Vertrauen ist gewachsen. Das Vertrauen in Gott und in das Leben.“ 


Kontemplation, Wigbert Siller

„Eine allumfassende, bedingungslose Liebe“ 

Wigbert Siller ist, so viel wird im Gespräch rasch klar, ein Freund von Meister Eckhart. Auf die Frage nach dem Zentrum seiner Spiritualität antwortet er ganz ähnlich wie der spätmittelalterliche Theologe und Philosoph: „Gott wohnt in jedem von uns, auf dem Grund unserer Seele. Um ihn wahrzunehmen, muss man keine großen Worte machen. Im Gegenteil, die sind oft eher hinderlich.“ 

Wigbert Siller
Wigbert Siller. Foto: Andreas Kaiser

Der 68-jährige Pensionär bietet seit gut 20 Jahren in der Kirche St. Ludwig in Absprache mit seiner Gemeinde alle zwei Wochen eine „Meditation am Altar“ an. Nach einem kurzen Musikstück sowie einem Textimpuls, die Siller meist den Schriften der christlichen Mystik entnimmt, geht es für zweimal 25 Minuten in die Stille. „Es geht darum, in eine sprachlose Gottesgegenwart hineinzufinden“, sagt er. 

Auf die Idee zu seinem Angebot kam Siller über einen Dominikanerpater, der einst in Berlin ähnliche Kontemplationsabende anbot, inzwischen aber verstorben ist. Siller ist in seiner Gemeinde auch sonst sehr aktiv und lässt sich gerade von der Caritas zum Hospizhelfer ausbilden. Seine „Hinneigung zur Mystik“ erklärt er mit einer tiefgreifenden Gotteserfahrung, die er, vollkommen unerwartet, bereits als 18-Jähriger machte: „Das war ein Gefühl einer allumfassenden, vollkommenen und bedingungslosen Liebe.“

Die Impulse zu Beginn seiner Meditationen seien „als Stütze und Orientierungshilfe für Menschen gedacht, denen es nicht so leichtfällt, wirklich gedankenfrei zu werden“, sagt Siller – und lässt dabei offen, ob es ihm manchmal selbst so geht. Neben den Meditationen organisiert er seit vielen Jahren auch einmal im Jahr eine sechstägige Einkehrzeit im Kloster. Auf die Frage, ob ihn die regelmäßigen Zeiten der Stille auch persönlich verändert hätten, sagt er: „Wenn ich mir heute als 30-Jährigem begegnen würde, würde ich mir wahrscheinlich ziemlich auf den Wecker gehen.“ 

Andreas Kaiser