Kunsthalle Emden stellt Armin Mueller-Stahl aus
Aus dem Bauch heraus
Foto: Niko Schmid-Burgk
Fast täglich arbeitet Armin Mueller-Stahl in seinem Atelier.
„Erschossen in Teheran“ heißt eins dieser Werke von Armin Mueller-Stahl, die bis Mitte April in der Emder Kunsthalle zu sehen sind. Der Künstler hat es 2009 gemalt: als mahnendes Gedenken an eine junge Frau, die bei Protesten im Iran getötet worden ist. Eine Gestalt liegt verwundet am Boden – unter ihr breitet sich eine große Blutlache aus. Im Hintergrund stehen schemenhaft Figuren. Täter, Helfer, Freunde, Familie? Das lässt Mueller-Stahl offen. Nicht aber seine Haltung, denn das Gemälde zeigt in aller Würde seine Betroffenheit und sein Entsetzen über Gewalt und Unrecht.
Malerei wird ihm in die Wiege gelegt
Diese Haltung speist sich aus der Lebensgeschichte von Mueller-Stahl, der vor allem durch seine Arbeit als Akteur in über 100 Filmen bekannt geworden ist. Dabei ist ihm die Schauspielerei „nicht in die Wege gelegt worden, die Malerei schon“, sagt er selbst. Kunst, Literatur, Musik – das liegt in der Familie. Er wählt auch die Bühne und den Film. In der früheren DDR zählt er zu den beliebtesten Schauspielern, wird durch Produktionen wie „Nackt unter Wölfen“ auch im Westen bekannt.
Aber er zeigt Rückgrat, protestiert und bekommt in der DDR keine Rollen mehr. 1980 geht er mit Frau und Sohn nach Westberlin, wird national wie international berühmt. Dabei spielt er weniger den glanzvollen Helden, sondern eher komplexe Charaktere in historischen Bezügen – mit seelischen Abgründen und tiefen Traumata, mit dem Guten und Schlechten im Menschen zugleich. „Shine – der Weg ins Licht“ ist ein Beispiel dafür. Darin spielt er einen Mann, dessen Eltern im Konzentrationslager sterben, und wird für einen Oscar nominiert.
Existenzielle Erfahrungen von Verlust und Leid, aber auch von Zusammenhalt und Hoffnung spiegeln nicht nur seine Filme wider, sondern auch sein bildnerisches Werk. Oft hat Mueller-Stahl betont, dass er den Zweiten Weltkrieg „erleben musste und überleben durfte“. Diese Eindrücke und andere Krisen haben ihn geprägt und treiben ihn an, Position mit Stift und Pinsel zu beziehen. Denn das, was er in diesen Tagen in den Nachrichten liest und hört, macht ihm Sorgen.
Betroffenheit über Ignoranz und Intoleranz
Wer durch die großartige Ausstellung in der Emder Kunsthalle geht, spürt das bei vielen Werken. Und so interessant seine Bilder rund um seine Arbeit als Schauspieler sein mögen – länger bleibt man vor den politischen Gemälden stehen. Da knallt er aus dem Bauch heraus seine Empörung über Gewaltexzesse und Missachtung der Menschenwürde auf die Leinwand, da fasst er seine Betroffenheit über Ignoranz und Intoleranz fast melancholisch in eher düstere Farben. Eingebettet darin sind oft kurze Schlagworte, die eine Verbindung zu Ereignis und Person herstellen. Wie bei „Allegro furioso“. Darauf hat er die Namen vieler Städte geschrieben, die furchtbare Anschläge erlebt haben. Eher still, liebevoll und zugleich wie ein Plädoyer gegen Antisemitismus wirkt dagegen die Porträtreihe „Jüdische Freunde“: über Persönlichkeiten wie Jurek Becker, Franz Kafka, Ida Ehre und auch Jesus.
Einen ganz anderen Eindruck hat offenbar Donald Trump bei ihm hinterlassen. Da hat Armin Mueller-Stahl schon im Jahr 2018 keinen Hehl daraus gemacht, was er von dem hält. Wütende Farbkleckse sind zu sehen, aggressiv und giftig, laut und unberechenbar. Wer dabei keine Verbindung zum derzeitigen US-Präsidenten herstellen kann, liest den Text dazu: „Donald T. Dieser Mann stammt aus der Nullserie der Menschheit. Er ist so kaputt, dass es sich nicht lohnt, ihn zu reparieren.“
Die Ausstellung „Tag und Nacht auf der Erde“ von Armin Mueller-Stahl ist bis zum 12. April in der Kunsthalle Emden zu sehen. Damit verbunden ist ein Rahmenprogramm mit Gesprächsrunden zu literarischen Werken des Künstlers sowie eine Reihe mit mehreren seiner Filmen. Infos: https://kunsthalle-emden.de/